Eure Blicke töten nicht

 © JU / Ruhrtriennale
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Die Regisseurin Susanne Kennedy zeigt in Berlin ihre Performance „Orfeo“ und dreht dabei an den herrschenden Geschlechterverhältnissen und den Künstlermythos durch den Wolf. Am Ende ist Stille. 

Orpheus, der Proto-Künstler. Der erste, der beste, der mit seiner Kunst in die Unterwelt kommt und – das ist dann ja das Problem – wieder raus. Mythen handeln zumeist vom Ursprung, und der Orpheus-Mythos eben vom Ursprung der Kunst. Seine selbstreflexive Struktur, die im Erzählen den Modus des Erzählens thematisiert, macht ihn so beliebt für programmatische Arbeiten. Orpheus, der Grenzgänger: zwischen Leben und Tod, Licht und Schatten, Mythos und Logos, dem besonnenen Apoll und dem trunken-wahnsinnigen Dionysos.

Das alles kommt hier nicht vor. Ebenso nicht: Der tolle Tod des thrakischen Sängers. Die Mänaden, die weiblichen durchgedrehten Häscher des Dionysos kreischen ihn erst nieder und reißen ihn dann in Stücke, sein Kopf landet im Fluss, er singt weiter, nie endende Kunst für alle kommenden Generationen.
Auch all das splatter-mäßige fehlt in „Orfeo“, einer von Susanne Kennedy zusammen mit den zwei Co-Regisseurinnen Suzan Boogaerdt und Bianca van der Schoot groß angelegten Performance, die erst Ende August bei der Ruhrtriennale Premiere feierte und nun im Berliner Martin-Gropius-Bau zu sehen, beziehungsweise zu begehen ist. Es fehlt, weil es gar nicht um Orpheus geht. Sondern um Eurydike. Gerade dieser Mythos dient oft als Blaupause für eine Kunstvorstellung, die im Weiblichen immer nur das Begehrenswerte sieht, das Kunst zwar ermöglicht, aber nie selbst schöpferisch sein kann – denn das macht dann doch der Mann. Nach ihrem Tod macht sich Orpheus, ihr Retter, auf in die Unterwelt um sie zurückzuholen. Mit seinem betörendem Gesang überzeugt er die Götter, und sie gewähren ihm, seine [sic!] Eurydike wieder hoch ins Leben zu holen. Allerdings bekommt er ein Blickverbot – er darf sich nicht zu ihr umdrehen, bis der Weg geschafft ist. Er hält sich nicht daran und sein Blick tötet sie zum zweiten Mal. Nach einer Trauerphase singt er dann schöner als je zuvor, selbst Steine erweichen bei seinen Klängen. Eurydike hält im Original und den vielen Nacherzählungen zu oft nur als Trigger-Figur her, die die Handlung auslöst und durch ihren Tod ihren Lover zum Star macht. Es überrascht nicht, dass diese Konstellation feministisch bereits geturnt wurde: Von Ingeborg Bachmann beispielsweise, oder Elfriede Jelinek, deren Stück Schatten (Eurydike sagt) vor zwei Jahren im Akademietheater in Wien lief. Dabei ging es dann stets darum Eurydike eine Stimme zu geben, und endlich eine Persönlichkeit. Bei Ovid konnte sie nur hauchen. Heute soll sie schreien und reden, lachen und heulen. Aber auch das passiert bei Kennedy nicht.

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80 Minuten geht die „Sterbeübung“, so der Untertitel, zehn Minuten verbringt man in jedem der kleinen Räume, die mit ihrer kühlen, billigen, trashigen Art so oberflächlich wirken, als befinde man sich im Sims-Computerspiel. Lachsfarben, Senfgelb, Mintgrün, Plastik. Absolut gar nichts soll wirken, als würden hier echte Menschen wohnen. In diesen Zimmern friert es, auch wenn es warm ist. 10 Minuten gefangen, bis das rote Licht über der nächsten Tür grün leuchtet. Die Regeln sind streng in der Unterwelt. Zum Glück ist man nicht allein. Da ist auch immer eine Eurydike. Oder zwei oder drei.

Sie sind Menschen, aber auch sie sind aus Plastik gemacht. Hässliche Masken verdecken ihre Gesichter, mit knallblonden Haaren und schwülstigen Fleisch-Lippen, die vom Speichel fett glitzern. Nur die Augen sind frei, und diese bewegen sich meistens ruckartig, aggressiv. Niemand spricht. 80 Minuten lang kein Wort. Stattdessen ist man der klaustrophobischen Gefangenschaft ihrer Stille ausgesetzt. Es kommt nichts aus ihren Mündern, aber dafür aus Boxen: Monteverdis Oper „Orfeo“ (die allererste Oper, Orpheus, der Ursprung der Oper), live gespielt von einem Ensemble, das man erst am Schluss, im letzten Raum hinter einer Glaswand zu sehen bekommt. Mal leise, mal lauter, immer verfremdet: Ein Algorithmus legt die Abfolge der Partituren fest, er generiert einen musikalischen Zufall, der die musikalisch festgelegte Narration auflöst. Weil nichts erzählt wird, ist der Druck umso größer, sich auf die glatten Oberflächen der Räume und Frauen zu projizieren, damit wenigstens irgendetwas passiert.

Kennedys Eurydikes haben keine Persönlichkeit, im Gegenteil, sie sind reine Objekte.

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Man wird gezwungen, sie zu verdinglichen, ihnen den letzten Rest Würde zu stehlen, und schon nach wenigen Minuten ist es unangenehm, recht schnell wird es nachgerade schmerzhaft. Verzweifelt klammere ich mich an das Wenige, das mir irgendeinen Zugang zur Person hinter der Maske erlaubt. Die kurzen Hosen und T-Shirts legen Arme und Beine frei, die Haut ist manchmal alt und faltig, manchmal jung und fleckig, fast anorektisch sitzt gleich im ersten Raum eine auf einem braunen Kunstledersofa. Ihr Blick trifft mich hart. „Schreiben beginnt und endet mit dem Blick des Orpheus“, meint der französische Philosoph Maurice Blanchot in seinem Hauptwerk Der literarische Raum. Die Inspiration, die er, der Künstler, durch den Verlust erleidet.

Aber hier blickt Eurydike. Sie blickt uns an, und wir sterben nicht, und wir kriegen auch nichts von ihr, sondern gehen weiter, in den vorletzten Raum. Zahnarztpraxis-Atmosphäre, und da steht dann doch Orpheus, tritt sehr nah heran, auf dreißig Zentimeter, und singt für zwanzig Sekunden Monteverdi im Original, ein Auszug aus der Partie des „Orfeo“. Dass wenigstens aus seinem Mund nun tatsächlich etwas herauskommt, ist zwar erlösend, aber gleichzeitig stärkt es nur die Beklommenheit, denn die so pathetisch emotional vorgetragene Einlage scheint nicht mehr zeitgemäß nach so viel Stille, fehl am Platz wirkt die Brachialität des Sängers. Man wünscht sich fast, er würde weinen statt singen. 

Die 38 Jahre alte Susanne Kennedy erlangte große Aufmerksamkeit mit ihren Inszenierungen an den Münchner Kammerspielen, wurde 2013 von der Zeitschrift Theater heute zur Nachwuchsregisseurin des Jahres gewählt und bekam 2014 den 3sat-Preis beim Berliner Theatertreffen. Ab 2017 wird sie Mitglied im Künstlerischen Team von Chris Dercon an der Volksbühne sein, der von der Londoner Tate ans Berliner Theater wechselt. Vorerst geht sie mit „Orfeo“ den anderen Weg und bringt das Theater ins Museum. Dabei baut sie Räume in die Räume, ein Schachtelsystem, eine eigene Welt, die verschiedener nicht sein könnte von dem massiven klassizistischen Gropius-Bau. Man kann die institutionskritische Wende kaum übersehen. Leise kommt sie daher, aber dafür umso unerbittlicher. Wenn sich aus dem Blick des Orpheus der Anfang und das Ende des künstlerischen Schaffens deuten lassen, dann bedeutet der Blick Eurydikes, die Paläste dieser Kunst zu unterlaufen und neue zu schaffen. Sie selbst muss dazu nicht einmal etwas sagen.

 

Xaver von Cranach ist Online-Assistent von Spike und lebt in Berlin.

Orfeo ist noch zu sehen bis zum 04. Oktober, zwischen 10 und 19 Uhr.