Exhibition Histories: "Bitte liebt Österreich!"

Gespräch
 Foto: Didi Sattmann
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 Foto: Johann Klinger
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Im Jahr 2000 wird Österreich erstmals von einer Koalition aus der konservativen ÖVP und der rechtspopulistischen FPÖ regiert. Im selben Jahr lässt Christoph Schlingensief (1960–2010) für die Wiener Festwochen einen Container neben die Oper stellen, um dort für sechs Tage zwölf Asylbewerber einziehen zu lassen, die per Voting jeden Tag ausgewiesen werden sollen – so Schlingensiefs Ankündigung. „Ausländer Raus“ ruft heftige Reaktionen hervor und zeigt den Ansatz Schlingensiefs so deutlich wie keine andere Arbeit des Aktionskünstlers. Spike sprach mit Matthias Lilienthal und Anselm Franke über das Wörtlich-Nehmen der Rechten und die Frage, was Schlingensief heute wohl machen würde.

 

Christian Kobald: Wie wart ihr beide damals an dem Projekt beteiligt? 

Matthias Lilienthal: Ich war der Dramaturg. Christoph Schlingensief hatte sich zusammen mit dem damaligen Leiter der Wiener Festwochen, Luc Bondy, das Ding ausgedacht. Es kam relativ spät zustande. Die Festwochen haben dann ihr Betriebsfest gestrichen, um die 50.000 Mark in dieses Projekt zu stecken. Die Grundidee war, die Struktur von „Big Brother“ aufzunehmen und mit der Ausweisung von Asylbewerbern zu koppeln. 

Anselm Franke: Das war genau die Phase, in der ich aufgehört habe mit Schlingensief zu arbeiten. Aber ich habe es genossen. Es war verstörend. 

ML: Ja, auf eine komische Art und Weise. Auch das Zustandekommen war merkwürdig holprig. Es sollte stattfinden, aber dann wollte die Stadt Wien keine Genehmigung dafür geben. Es hätte auch kippen können, als die Staatsoper sich dagegen gewehrt hat, dass der Container neben der Oper steht. Das Projekt popelte sich über vielerlei Unmöglichkeiten hinweg, bis es plötzlich stand. Am Anfang waren noch keine Asylbewerber im Container, es stand nur dieses ausländer raus oben drauf. Es kam ein Bus mit israelischen Touristen, der vom Flughafen auf dem Weg in die Stadt war. Sie sahen das ausländer raus, der Bus drehte um und fuhr wieder zum Flughafen. 

AF: Christophs Projekte funktionierten in Österreich anders als etwa in Berlin. Irgendwie hat seine Strategie, Jörg Haider wörtlich zu nehmen, funktioniert. Damit fing es ja an. 

 

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ML: Findest du, dass er Haider beim Wort genommen hat? Also ich finde ja fast, das Projekt handelt vom Gegenteil. Bondy hat im österreichischen Fernsehen gegen die FPÖ total abgeschifft. Er sagte dann zu Christoph: „Die FPÖ macht Schulungen, wo den Leuten beigebracht wird, Dinge nicht zu begründen. Die FPÖ sagt, ‚Der Nigerianer ist ein Drogendealer‘, und nicht ‚die Nigerianer sind schlechte Menschen, weil sie mit Drogen handeln‘. Wenn man kausal und rational dagegen argumentiert, hat man keine Chance.“ Christoph war am nächsten Tag in der gleichen Sendung. Es war auch eine Kulturvertreterin der FPÖ da, die sagte, es sei keine Kunst sondern politische Agitation. Christoph fragte: „Waren sie schon mal im Theater?“ „Ja ich war schon …“ „Nein, sie waren noch nie im Theater!!“ „Was sie machen ist Agitat …“ „Nein, sie waren noch nie im Theater!!“. Auf einmal, über diese absurde, dadaistische Behauptung, die keinen Sinn machte, aber die kulturelle Kompetenz der Dame in Frage stellte, löste sie sich auf und knallte in der Diskussion weg. Und man hatte ja auch später mit Haider und dem Schwulsein das Gefühl, dass Haider und die FPÖ Dinge oft nur sagen, um populistische Strömungen auszulösen, sie aber gar nicht unbedingt kongruent mit ihren Überzeugungen sind. Das macht es noch schlimmer, als wenn sie wirklich glauben würden was sie sagen. Von dieser Fiktionalisierung populistischer Politik hat das Projekt gehandelt. 

AF: Schon bei der Aktion „7 Tage Entsorgung für Graz – Künstler gegen Menschenrechte“ 1998 ging es um ein Spiel mit dem Wörtlichnehmen. Die Gegner, die FPÖ und die Kronen Zeitung, nahmen Christophs Ankündigung wörtlich, Graz zur „Sandlerhaupstadt Europas“ zu ernennen. Auch die Aktion, die Fördergelder für seinen Beitrag zum Steirischen Herbst in die Menge zu schmeißen – und so auch noch den Kapitalismus zu retten, legte es zu allzu wörtlich auf den Affront an, auf den Skandal, der entsteht, wenn das „wegschmeißen“ wörtlich genommen wird. In Graz ging es darum, auszustellen was passiert, wenn einen der Gegner beim Wort nimmt, und die dabei entfesselten Projektionen zu einem Bild werden zu lassen, gleichsam als lebendes Bild auszustellen. Bei der Wiener Aktion hat Christoph dann den Spieß erstmals umgedreht und die FPÖ beim Wort genommen, angefangen mit dem Schild auf dem Container: „Ausländer Raus“. Die ganze Inszenierung war die buchstäbliche Umsetzung dieser Aufforderung und wurde wieder zu einem lebenden Bild. Das deliröse Spiel mit Bedeutung und Bedeutungskurzschlüssen, das dabei entstand, hat fast zirkulären Charakter: Bedeutung wird unterminiert, indem sie beim Wort genommen wird, in einem Akt der mimetischen Korrumption, der Kritik durch Affirmation. Es ist wie ein Feedback-Loop – dieses Zusammenfallen, Buchstäblich-Nehmen, und wieder Auseinanderfliegen. 

 

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ML: Schmeiß’ das Geld weg, rette den Kapitalismus. Er machte immer die eine Geste: das Geld entwerten und dann gleichzeitig behaupten, das System zu stabilisieren. „Ausländer raus“ hieß ja nicht „Ausländer raus“, sondern „Bitte liebt Österreich“. „Bitte liebt Österreich“ und „Ausländer raus“ sind die beiden Bewegungen. „Bitte liebt Österreich“ könnte auch der Slogan des nächsten FPÖ-Wahlkampfes sein. 

AF: (Lachen) Genau. Das ist eben die psychologische Struktur des Double-Bind, zwei nicht vereinbare Nachrichten. 

ML: Christoph als altes Muttersöhnchen hatte das voll drauf. 

AF: Er hatte ein gutes Gespür. Worauf er letztendlich abzielte ist nichts anderes als eine bestimmte Normalisierung faschistischer Psychologie und deren Bereitschaft, die Unwahrheit zu glauben. Diese Psychologien hat er wahnsinnig gut gespiegelt. Es kommt nicht darauf an, ob es wahr ist oder nicht. 

 

"Das hätte keine Vorabendserie im österreichischen Fernsehen überstanden"

 

ML: Das Zeichensystem Kunst steht ja in Österreich noch über der Realität. Durch Attacken auf das Zeichensystem bekommt er eine größere Erdung, und gerade Berlin ist viel sozialdemokratischer und eine viel stärker an soziale Fragen gebundene Stadt. Da sind die Reaktionen natürlich anders. 

CK: Es waren ja tatsächlich Asylbewerber, die durch den Status als Schauspieler geschützt waren. Als es sich aber plötzlich umdrehte, und man sie als Asylbewerber erkannte, hatte es schon so eine Art Realitätsschock für den Betrachter. Habt ihr es von der Dramaturgie her geplant, dass das irgendwann herauskommt? 

ML: Ja, es war total wichtig, dass es Asylbewerber sind und nicht Menschen, die sie darstellen. Sie kamen aus einem Asylbewerberheim in Graz. Natürlich wurden ganz viele Dinge zwischen mir und Christoph und den anderen Beteiligten hoch nervös diskutiert. Auch ob man hinschreiben kann „Ausländer raus“. Ich war am Anfang schissig. Kann man riskieren, was man sich da aussetzt? Daraus entstand dann etwa, dass die Asylbewerber Perücken getragen haben, dass sie verkleidet waren, und man versucht hat, die Identität zu verschleiern. Gleichzeitig gab es aber immer am Ende des Tages den einen Asylbewerber, der abgeschoben wurde. Auch da hat die Hälfte der Menschen geglaubt, es würde wirklich abgeschoben, obwohl es natürlich, wenn man genau hingeguckt hat, eine Art von Fiktionalisierung im Blödsinnstheater war. Die Schlingensief-Faktoten waren in irgendwelchen nicht passenden Polizeikostümen gekleidet, auf einem schwarzen Mercedes war mit Mühe Polizei aufgeklebt … Das hätte keine Vorabendserie im österreichischen Fernsehen überstanden. Aber da sie in Handschellen da so langgeführt wurden, ihnen Gewalt angetan wurde, glaubten Leute, sie werden jetzt an die ungarische Grenze gestellt. 

 

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CK: Das Projekt funktionierte auf jeder Ebene. So wie mit den österreichischen Politikern und mit den österreichischen Beamten gesprochen wurde. Es ist wie ein durchgehendes Stück, das überhaupt keinen Anfang und kein Ende kennt. Und alle werden in diesen Stückstrudel hineingezogen. Was ich an den Rechten in Österreich interessant finde, ist, dass die seit langem linke Argumentationsfiguren klauen und rechts umdrehen. Während erstaunlicherweise bestimmte rechte Motive langsam in die linken Bürgerkriege einwandern. Schlingensief verwendete in dieser dadaistischen Harlekinsmaske rechte Sprechstrategien. Siehst du das so? 

 

"Man könnte es vielleicht mimetische Kritik nennen. Man macht, was man kritisieren will, selbst, und schafft ein Bild über eine Minimaldifferenz."

 

ML: Ich sehe das auf jeden Fall so. Christoph hat aber nicht von der ersten Sekunde an ein klares System etabliert, sondern man quatschte sich da so rein. Er hatte seinen psychotischen Tunnel, wodurch er bestimmte Dinge gegen alle durchgedrückt hat, wie zum Beispiel das „Ausländer raus“. Der Schiss war da, ob es Beifall von der falschen Seite gibt. Das ganze Projekt basierte ja auch stark darauf, dass es direkt neben der Staatsoper war. Wenn es in einem Randbezirk von Wien gewesen wäre, hätte es so nicht funktioniert. Wenn wir den Ort nicht bekommen hätten, wäre die Hälfte des Projekts im Arsch gewesen. In Anbetracht der Staatsoper wollte er die Operettenhaftigkeit des Staates Österreich und seines offiziellen Handelns nochmal betonen. Er hatte eigentlich den Wunsch, dass so ein Volksaufstand rund um die Container entsteht, dass die Stimme von Netrebko im Opernhaus nicht mehr zu hören ist. 

AF: Das ist eine alte Strategie, die man auch aus der Literatur oder aus vielen anderen Bereichen kennt: etwas niedrig zu machen, zu erniedrigen, zu unterbieten. Oper zu Operette, Operette zu Big Brother. Die Low-Form dessen, was damals als die Low-Form im Fernsehen galt. 

 

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ML: Etwas, das normalerweise im Bereich des Unsichtbaren stattfindet, sichtbar zu machen. Wie die Abschiebungen, die jetzt im Moment in Deutschland stattfinden, wo der Polizeiapparat alles unternimmt, dass davon keine Bilder entstehen. Natürlich war es einerseits total wichtig, dass es so ein geschütztes Fort war, wo man nur durch Schlitze durchgucken konnte, und andererseits über Mikroports alles, was im Container gesagt wurde, nach draußen übertragen wurde. Der erste Preis sollte sein, eine Österreicherin zu heiraten und dann in Österreich bleiben zu können. Ein tamilischer Flüchtling sagte am ersten Tag aus Quatsch dann: „Bitte, bitte nicht schlagen, ich wollen nur Österreicherin heiraten“. Er hatte einen viel weniger starken Akzent als in dem Satz transportiert wurde, aber genau das brachte die Situation auf den Punkt. Es gab natürlich eine riesige Diskussion darüber, ob man ästhetisch so etwas darf, und was es soll. Ich hatte etwa drei Wochen vor der Aktion Herrn Häupl [damaliger Bürgermeister von Wien] angefragt, ob er als Gast-Mensch einen Tag in den Container käme. Ich glaube, Häupl hat nichts anderes getan, als der Kronen Zeitung Bescheid zu geben. Christoph hatte darum gebeten, aber ich glaube nicht, dass er eine genaue Peilung davon hatte. So firm waren wir in österreichischer Politik nicht, dass wir wussten, wer was anschieben würde. Aber dadurch, dass es die Kronen Zeitung eine Woche vor Beginn jeden Tag auf dem Titelblatt hatte, war natürlich der Boden bereitet.

AF: In keinem anderen Projekt funktionierte das Zuteilen von Rollen so gut wie in diesem – jenseits davon, was man sich vorstellen oder für plausibel halten konnte. Das Selbstverständnis einzelner Akteure, wie sie zum Teil dieser Inszenierung wurden, sich ständig weiter entgrenzten, immer wieder ihren Inszenierungscharakter neu auf die Probe stellten und erweiterten, indem sie sich zum Teil einer Inszenierung machten, die sich immer wieder gegen sie wandte, zumindest gegen einige von ihnen. Es wurde mit relativ wenigen Mitteln ein Skript geschaffen, die vorgegebene Struktur war minimal. Klar gab es wie immer bei Schlingensief täglich Einfälle, ein tägliches Aktivieren. Aber eigentlich wurde relativ wenig getan, die große Inszenierung setzte sich als mediales Kunstwerk fort, als Kunstwerk auf der Bühne der Massenmedien.

 

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ML: Er bearbeitete einen Prominenten pro Tag, es wurde unterrichtet oder aufgenommen, was im Container passierte. Das hat er immer wieder angeschoben. Es gab diese eine Frau, die immer wie wild herumschrie, er provozierte sie, damit sie immer wieder zurückkam. Und es gab auch glückliche Zufälle, wie der, dass es so heiß wie in den österreichischen Hundstagen war, und die Temperatur auf 38° stieg. Das führte dazu, dass es in den Containern unerträglich heiß war, aber auch, dass die Nerven der Wiener am Durchbrennen waren, was sich gegenseitig hochschaukelte. 

CK: Es war alles gut aufgestellt: Es gab die Nähe zur Staatsoper, diese Inszenierung, die im Stadtraum funktionierte, die Inszenierung im Internet und in den Medien. Mir kommt vor, dass das nur deswegen möglich gewesen war, weil IRL, wie man heute sagen würde, sich mit dem Digitalen überschnitten hat.

 

"Würde er in dem jetzigen ästhetischen Moment versuchen, Trump noch einmal zu überhitzen, oder hätte er eine moralisch, rationale Haltung?"

 

AF: Christoph hat schon immer die allerneuesten Möglichkeiten des Netzes ausgenutzt. Er saß auch nächtelang selbst an seiner Webseite …. In Bezug auf die Form ist es total wichtig, dass Christoph früher als die meisten anderen gemerkt hat, dass die demokratische Öffentlichkeit, die das Internet bietet, tendenziell Richtung Klowand geht. Dass das Medium extrem anfällig für Trolling ist. Dadurch kommt es zu einer bestimmten Ökonomie, die ein Milieu für Populismen und Infektionen ist. Er hat dieses Niedrigwerden und Unterbieten als Strategie angewandt, aber gleichzeitig darauf insistiert, dass es eine Spiegelfunktion behält. Es ist eine alte Konzeption – wie eine Maler des Modernen Lebens –, einen Spiegel vorzuhalten. Aber es war ein gefährlicher Spiegel, weil nie sicher war, dass es ein Spiegel bleibt. Das Projekt war gefährlich, weil es sehr offen mit Rassismen gespielt hat, und mit Rassismen spielen ist wie mit Feuer spielen. Man könnte es vielleicht mimetische Kritik nennen. Man macht, was man kritisieren will, selbst, und schafft ein Bild über eine Minimaldifferenz.

ML: Einfach durch das Framing von dem Namen Schliengensief.

CK: Bis hin zur Dopplung mit den Schlingensief-Doubles.

AF: Ein Double, genau. Das ist Teil einer Strategie um die verfälschende Verdoppelung der Wirklichkeit in medialen Phantasmen zu denunzieren. Vielleicht eine Medienkritik, die sich selbst nicht in sicherer Distanz zum Gegenstand wähnt, sondern alle in einen psychotischen Tunnel hineinzieht.

 

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ML: Außerdem war ja das Wort, das zu Schlingensief immer fiel, Agent Provocateur. Was ihn immer total genervt hat. Er kam mit dem Etikett von „Tötet Helmut Kohl“ nach Wien. Damit war von vornherein klar, dass es nicht auf eine Sympathie für Herrn Haider hinauslaufen kann. Aber welche Macht so ein Framing hat, war mir zu dem Zeitpunkt auch nicht so total klar. 

CK: Warum habt ihr Celebrities eingeladen für das Projekt?

AF: Das kommt natürlich aus der Talkshow-Genealogie. Man braucht in jeder Show gute Promis.

ML: Ja. Und Christoph war auch immer ein bisschen Promi-geil. (Lachen)

CK: Haltet ihr es in der Nach-Trump Zeit noch für möglich, ein solches Projekt zu machen? 

ML: Schlingensief würde sich im Moment sicher für die Trollfabriken in St. Petersburg interessieren. Ich weiß nicht, wie er welche Polemik führen würde. Letztendlich war auch die aufklärerische Grundstrategie von „Bitte liebt Österreich“, die Regierungsbeteiligung der FPÖ in der Zukunft zu verhindern. Es war ein ganz zahmes linkes Projekt, wenn man so will. Würde er in dem jetzigen ästhetischen Moment versuchen, Trump noch einmal zu überhitzen, oder hätte er eine moralisch, rationale Haltung? Christoph hat solche Sachen auch nicht immer bis zum Letzten durchrationalisiert. Wie diese 500 Menschen, die am Stadtrand von St. Petersburg sitzen und den amerikanischen Wahlkampf mitentschieden haben …. Er denkt jetzt im Himmel darüber nach, was man mit einer Trollfabrik in Berlin kippen könnte. Oder er würde darüber nachdenken: Können 5.000 Europäer nach Syrien wandern? Er würde immer versuchen, das Gegenteil von dem zu denken, was alle denken. Er würde sich nicht dafür interessieren, welches Elend den Flüchtlingen zwischen der Türkei und Griechenland widerfährt, sondern eher sagen: Es hat sich eine große Gruppe von Menschen aus Syrien hierher bewegt, wie kann man jetzt eine Gegenvölkerwanderung einleiten? 

AF: Die Bedingungen waren natürlich in den 90ern bis 2010er Jahren schon anders. Die Methode, den Ausnahmezustand in die Normalität zu verpflanzen, funktionierte solange es ein einigermaßen funktionierendes Konsenssystem gibt, solange die faschistische Psychologie eine subterrane ist. Wenn sie das nicht mehr ist, hätte Christoph sicherlich einen Shift gemacht. Auch dieses Überbieten durch Unterbieten, diese Verdopplung durch Kurzschluss, funktioniert natürlich mit Teilen dieser Neuen Rechten nicht, weil sie auch einen Ursprung in der Trollkultur hat, die Online-Alt-Right, mit ihrem semiotischen Spiel mit Mimikri, mit Memes, Unterbieten, Überbieten, Zynismus, Ressentiments. Die kannst du ja nicht überbieten, und auch nicht unterbieten. 

ML: Er würde sich schon für so eine Figur wie Steve Bannon interessieren. Und dafür, wie man Fake-News erzeugen kann, die genau in die andere Richtung schießen. Er würde sich vielleicht überlegen, ob Donald Trump zu intelligent für seinen Job ist. Er würde wieder dadaistische Behauptungen aufstellen.

 

MATTHIAS LILIENTHAL ist Intendant der Münchner Kammerspiele. 

ANSELM FRANKE ist Leiter des Bereichs Bildende Kunst und Film am Haus der Kulturen der Welt. 

CHRISTIAN KOBALD ist Kurator und Redakteur von Spike.

 

– Dieser Text ist in Spike Art Quarterly #56 erschienen, erhältlich in unserem Online Shop –