Film: Vergessene Träume

 Werner Herzog, Screenshots aus „Die Höhle der verlorenen Träume“, 2010, 90 min.

Werner Herzog durfte 2010 als einer der wenigen die gerade wiederentdeckte südfranzösische Höhle von Chauvet betreten. In nur sechs Tagen drehte er einen grandiosen Dokumentarfilm über die 32.000 Jahre alten Höhlenmalereien. Timo Feldhaus blickt nun durch ein flaches Retina-Display auf die Anfänge der Kunst, um schnell in die Gegenwart zu driften: zu den Bildarchiven der Agentur Corbis.

Vor 26.000 Jahren ging ein barfüßiger Junge durch die Chauvet-Grotte. Er war etwa acht Jahre alt und trug eine Fackel, die er gegen die Wand schlug, um ihren Brand zu verstärken. Möglicherweise hatte er einen Wolf bei sich, entsprechende Pfotenabdrücke begleiten seine Fußspur. Was mag der Junge gedacht haben? Hatte er eine Vorstellung von weit entfernter Zukunft? Wurden die ihn umgebenden Höhlenmalereien gemacht, um mit Geistern Kontakt aufzunehmen? Sind wir vielleicht diese Geister?

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Ich schaue angeleuchtet vom Bildschirm meines iPads den Dokumentarfilm „Die Höhle der vergessenen Träume“, den Werner Herzog 2010 in der kurz zuvor entdeckten südfranzösischen Chauvet-Höhle unter Minimalbedingungen (das 4-köpfige Team durfte sich nur an sechs Tagen jeweils vier Stunden dort aufhalten) drehte. Ich sehe, was der Junge sah: Pferde, Auerochsen, Rentiere, eine Horde mähnenloser Löwen, Bären, Steinböcke, Riesenhirsche, Mammut, Uhu und Panther – nur den Menschen, den haben die Maler bis auf wenige „Mischwesen“ vergessen. Wieso nur kamen sie sich damals, vor knapp 32.000 Jahren, als dieser überhaupt erst seit neuerem existierende Cro-Magnon-Mensch die unfassbar modern anmutenden Bilder an die Wände der dunklen Höhle gemalt hat, nicht selbst in den Sinn? Wieso hatte etwa dieser, der Wissenschaft zufolge 1,80 Meter große Maler mit einem leicht verkrümmten kleinen Finger kein dringenderes Bedürfnis nach Selbstpräsentation?

Das denkt der Selfie-Zeitgenosse nach fünfzehn Minuten dieses Films, der nicht nur einen unzugänglichen Ausgangspunkt menschlicher Kulturgeschichte besichtigen lässt als würde man selbst durch die Grotte wandeln. Sondern es ist vor allem die surreale Größe von Jahrtausenden, die unfassbare Zeit selbst, die sich zwischen Retina-Display, den darauf flackernden Malereien und seinem eigenen Gehirn ausbreitet – allein zwischen der Anwesenheit des Malers und des Jungen liegen fast 10.000 Jahre. Und dann natürlich die Darsteller, die diesen Film so unglaublich schön machen. Diese Wissenschaftler, die mit kindlichem Eifer, gravitätischer Expertise und einer elfenhaften Konzentration wirken wie aus der Zeit gefallene Arbeiter einer ganz neuen Archäologie. Einmal stellt Herzog zwei besonnene Forscher, eine Fotografie der Höhlenmalerei haltend, genau vor die Malereien, das ist gleichzeitig so fern jeden Sinns wie es auf verschlossene und eigentümliche Weise fasziniert. Überhaupt dieser Herzog, später sitzt er einem Wissenschaftler gegenüber, der am Computer die exakten Abmessungen der Höhle eingibt und erklärt, wie eine millimetergenaue, virtuelle Nachbildung entsteht. Der deutsche Regisseur fragt mit seiner unverwechselbaren Stimme:

Das ist wie das Telefonbuch von Manhattan – vier Millionen Nummern, aber wovon träumen diese Menschen? Weinen sie in der Nacht? Was sind ihre Hoffnungen?

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Vier Jahre nach seinem Release gerät der Film erneut ins Gedächtnis, weil just ein australisch-indonesisches Forscherteam auf der Insel Sulawesi Zeichnungen fand, die belegen, dass zur gleichen Zeit auf der anderen Seite der Welt ebenfalls in Höhlen gemalt wurde und damit der Beginn der Kunstgeschichte erstmals von einem europäischen zu einem globalen Phänomen wird. Aber auch ohne diesen Fund bleibt der Film ein einmaliges Ereignis: Herzog entdeckt im Schein der Lampe nämlich nicht weniger als das Urkino der Menschheit. Was bei den wie in Bewegung geschickt übereinander gemalten Tierformen sogar plausibel wird: Die Höhlenmaler scheinen das Medium der bewegten Bilder auf verblüffende Weise bereits geahnt zu haben. Das Aufspüren von „ekstatischer Wahrheit“, so sagte der Regisseur einmal, habe ihn stets mehr interessiert als das Abbilden von Wirklichkeit. Und seine dokumentarischen Filme waren schon immer auch Fiktionen, die er als Performer begleitet, und in denen man der Wahrheit bei ihrer Herstellung zusehen kann.

Bereits vor 25 Jahren begriff Bill Gates, was es bedeutet Fotos digital zu speichern, zu bearbeiten und zu verschicken. Er hatte die lustige Idee, gegen geringe Lizenzgebühren Bilder verfügbar zu machen. Statt Rahmen mit nur einem Bild sollten die Menschen sich Bildschirme an die Wand hängen, in denen Bilder per Klick stets austauschbar sind und die Atmosphäre des Raumes individuell bespielbar ist. Er selbst soll Woche für Woche jeden der über 30 Bildschirme in seinem Haus mit neuen Motiven bestücken – am liebsten mit Fotos alter Filmstars. Die Idee mit dem Rahmen wurde leider längst nicht so ein Hit wie es sein Bildarchiv dann werden sollte. 1989 gründete Gates, was Mitte der 90er als „Corbis“ bekannt wurde und heute mit über 100 Millionen Bildern die weltgrößte Bildagentur ist. Der seit 2013 wieder reichste Mann der Welt hatte so auch immensen Anteil an der Verbreitung der Stock Photography.

Das digitale Wasserzeichen, das heute als Meme zu einer Geste der Post-Internet-Art geworden ist, ging gewissermaßen durch Corbis viral. Das Archiv der Agentur befindet sich interessanterweise kaum erreichbar und gut gesichert 70 Meter tief unter der Erde. Dort werden die Fotos verwahrt, nur dort seien sie dauerhaft haltbar (5.000 Jahre sollen sie dort lagern ohne sich zu zerstören!). Das kulturelle Gedächtnis, das seit ein paar Jahren vor allem über Fotos funktioniert, ist also wiederum luftdicht verschlossen in einer dunklen Höhle verwahrt. Und man kann sich kaum vorstellen, wie sehr Horst Bredekamp darüber schmunzelt. Seit Jahren arbeitet der Bildtheoretiker daran, „den kategorialen Sündenfall der abendländischen Philosophie aufzulösen“, dass nämlich in Höhlen eben kein platonischer Verblendungszusammenhang, sondern eine weltkonstitutive Zivilisationsleistung erbracht wird.

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Eine Leistung, die mitunter auch zu Verzweiflung führt. Wird nicht die Erzählung von der Entwicklung der Kunst im Angesicht der Steinzeitbilder zu einem Irrtum? Der Glaube an eine Kontinuität, wie sie Gates bei der Namensgebung seiner Bildagentur (für einige Zeit hieß Corbis „Continuum Productions“) impliziert, wirkt kaum haltbar. Eher scheint es, als wäre die Kunst auf die Welt gekommen wie ein Fohlen, das von Geburt an auf eigenen Beinen stehen kann. Ich switche das YouTube-Bildfenster weg und ein anderes in den Vordergrund, mit jedem Wisch ein bisschen Wissen zusammenfügen, ein bisschen kulturelle Verfeinerung. Haben sich unsere Augen verändert? Unsere Blicke? Die Bilder haben es nicht. Sie sind dieselben geblieben. Nur der Rahmen ist ein anderer. Wikipedia, Guardian, klick, klick.

Der Schriftsteller und Kunstkritiker John Berger durfte die Höhle noch vor Herzog besuchen. Er schreibt: „Die Maler der Cro-Magnon kannten keinen Rand. Ihre Malerei fließt nach eigenen Gesetzen, sie hält an, sie stockt. Die Bilder überschneiden sich, neue schieben sich über die alten – der Maßstab springt ständig.“ Und er beschreibt auch die Grenzen des Bewusstseins unserer Vorfahren: „Als Nomaden wussten sie nur allzu gut, dass sie gegenüber der Überzahl der Tiere eine verschwindende Minderheit bildeten. Sie waren nicht auf die Welt gekommen, sondern mitten in das Leben der Tiere geworfen. Die Tiere waren die Hüter der Welt und des Kosmos um sie her, der weder Anfang noch Ende kannte. Denn hinter jedem Horizont gab es nur noch mehr Tiere.“ Die neuen Menschen kannten zwar das Feuer, aber sie empfanden sich noch lange nicht als die Krone der Schöpfung. Die Höhlenmaler haben sich als kleiner Teil der sie umgebenden Welt betrachtet, während wir seit spätestens 150 Jahren als ihr Zerstörer gelten können. Vielleicht hat ihr Bewusstsein ein bisschen gebritzelt, als sie ihre eigene Signatur auf dem Fels aufbrachten. Sie legten dazu in Komplizenschaft mit dem Dunkel ihre Hand auf den Stein und bliesen Pigmentfarben darüber. Womöglich tatsächlich, um so etwas wie eine Handschrift zu entwickeln, kein Abbild der Umwelt, keine virtuelle Welt, sondern eine Form des Wiedererkennens.

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Am Ende verzettelt sich Herzog auf seine unnachahmliche und magische Art in einem der Höhle nahe liegenden Atomkraftwerk, dessen Wasserkühlanlage in eine tropische Biosphäre umgewandelt wurde, in der hunderte Krokodile schwimmen, darunter weiße Albino-Mutanten. „Sind wir nicht die Krokodile, die über einen Abgrund an Zeit auf diese Höhlenmalereien blicken?“ fragt er aus dem Off. Schweigen. Was soll man auf diese Frage antworten? Die Corbis-Höhle liegt in einem ehemaligen Bergwerk nördlich von Pittsburgh, weitab vom Erdenlärm. In den umliegenden Wäldern hausen Truthahn, Bär und Murmeltier.

 

Timo Feldhaus ist Spike-Redakteur und lebt in Berlin.