Gespensterdepressionen

James Bond sollte das nicht wollen
 Foto: Dorothea Tuch
 Foto: Dorothea Tuch

„Ich habe um Hilfe gerufen. Es kamen Tierschreie zurück.“ Mit diesem Stück und dem fantastischen Fabian Hinrichs in der Hauptrolle eröffnete im Theater Hebbel am Ufer das Festival „Marx’Gespenster“. Gleich danach geht unser Autor ins Kino, um den neuen James Bond anzuschauen. Er findet verblüffende Parallelen, neue Erzfeinde und keine Liebe in Zeiten des Kapitalismus.

Schon 1992 ließ sich das System kaum mehr gut ficken. Als die Hamburger Band „Die Sterne“ sangen: „Tote werfen keine Schatten, keine Parolen, keine blöden wie die: Fickt das System“, war der Ruf nach Revolution bereits ironisch gebrochen und schwer in der Schwebe. Heute Abend, im Berliner Theater Hebbel am Ufer, steht der Allroundkünstler Schorsch Kamerun auf der Bühne, hauptsächlich bekannt als Frontmann der ebenfalls von der Hamburger Schule graduierten Band „Die goldenen Zitronen“. Neben ihm der schlacksige Schauspieler Fabian Hinrichs und der Komponist PC Nackt - ihre Musik ist ein wenig stümperhaft, aber liebevoll, das Stück heißt: „Ich habe um Hilfe gerufen. Es kamen Tierschreie zurück.“ Und 2015 ist sonnenklar, was ’92 vielleicht nur Insider wussten: Wir sind jetzt selbst das System geworden, das es eigentlich zu ficken gälte. Oder, wie Hinrichs es in dem ihm eigenen lustig-verzweifelten Tonfall während seines Solos ruft:

„Ich hatte Spaß daran, ich wollte originell sein! Und jetzt merke ich: ICH SOLLTE DAS WOLLEN“. 

Wogegen soll man noch sein, wenn jeder einzelne eine Firma ist, deren Profitmaximierung man als sein eigener CEO selbst vorantreibt? Wenn der Körper zur Kapitalanlage geworden ist, in die man gefälligst zu investieren hat? Bei Hinrichs klingt das so: „Ich will besser aussehen! Zwei bis vier Stunden täglich... und irgendwie hat das meine Sexualität vernichtet“. Vielleicht sind Hinrichs und Kamerun an diesem Abend einfach nur auf der Suche nach der abhanden gekommenen Sexualität, und auch wenn sie die nicht finden werden, macht es doch Spaß, dabei zuzuschauen.

Dem Schrammelrocker Kamerun, der voller Enthusiasmus in die Pauken schlägt, und dem Schauspieler Hinrichs, der erst ruhig und gelassen am Bühnenrand sitzt und Bass spielt, um dann, nach einer halben Stunde, aufzustehen und 45 Minuten seinen Beinen und seinem selbst geschriebenen Text auf der Bühne freien Lauf zu lassen. Bis dann alles in einem großen Finale endet, Tänzer und Tänzerinnen geistern in fernöstlichen Kostümen über die Bühne, auf die auch noch ein schicker Elektro-Citroën fährt, Symbol des Fortschritts im System.

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„Marx’ Gespenster“ heißt das Festival im HAU, in dessen Rahmen dieser Künstler-Selbstfindungsabend (Kamerun: „Werden wir hier grade ausgenutzt?“) stattfindet und die Richtung vorgibt. Sowohl nach hinten, in die Vergangenheit der Marxschen Analyse (Hinrichs: „Die Analyse der Produktionsverhältnisse ist ja bis heute wahr geblieben“) als auch nach vorne. Eine Zukunft sich vorstellen, eine neue abstrakte Erzählung sich ausdenken können, ein neues Gespenst zum spuken bringen: „Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus“, der berühmte erste Satz im Kommunistischen Manifest.

Nur dass es heute eher das „Gespenst des Kapitals“ ist, das die Welt in Schrecken hält, wie der Philosoph Joseph Vogl 2010 in seinem gleichnamigen Buch festgestellt hat. Weil es unfassbar, unvorhersehbar, durchsichtig ist und sich beinahe übernatürlich mit annähernd Lichtgeschwindigkeit durch Glasfaserkabel bewegt, „ein Regime flottierender Signifikanten ohne Anker und Maß, ohne die Sicherung durch ein transzendentales Signifikat.“ Diese Sicherung, dieser Anker, der zugunsten freierer und schnellerer Spekulationsmöglichkeiten aufgegeben wurde, war das Gold.

Die Aufhebung des Goldstandards durch Richard Nixon im Jahr 1971, also die Aufhebung der Deckung des sich im Umlauf befindenden Geldes durch einen Gegenwert in Gold, löste die künstlich gesetzte Begrenzung des Geldes auf und machte den heutigen Milliarden-in-Sekunden-Irrsinn erst möglich.

1971 hatte jeder Schein noch irgendwo ein passendes Stückchen Gold lagern, das Geld war irdisch grundiert.

 

Kurz zuvor, 1965, will James Bonds Gegenspieler „Goldfinger“ die Weltherrschaft an sich reißen, indem er in Fort Knox einbricht, wo die gesamten Goldreserven der USA lagern. Nicht etwa um das Gold zu stehlen, sondern um es mit einer Atombombe radioaktiv zu verseuchen und so das gesamte Geld der Vereinigten Staaten wertlos zu machen. Damals eine geniale Idee. Der Umgang mit Geld in der James Bond Reihe folgt schon immer gewinnbringenden Repräsentationsmustern. In „Octopussy“ steckt sich Roger Moore ein dickes Bündel Scheine in die Brusttasche seines weißen Smokings, nur damit ihm kurz darauf ein indischer Häscher ein riesiges Messer eben dorthin stecken kann. Da ist der Schein an sich mehr wert als drauf steht, weil das Geld als materialisierte Form sein Leben gerettet hat. Geld braucht Bond ja sowieso nicht, das geht alles auf Staatskosten.

Heute ist das Kapital nicht mal mehr Geld, sondern einfach Daten – Bonds Erzrivale, Ernst Stavro Blofeld, vom Österreicher Christoph Waltz gespielt, sucht im neuen Film „Spectre“ die Weltherrschaft durch global umfassende Datenkontrolle. Im Englischen lautet der berühmte Satz aus dem Kommunistischen Manifest: „A spectre is haunting Europe…“ Im Film ist das spectre nicht der Kommunismus, sondern die Terrororganisation von Blofeld. Die Geschichte der Organisation „Spectre“ reicht dabei bis zum ersten Bond von 1962, „Dr. No“, zurück, also in das Jahr, in dem die Kuba-Krise den Höhepunkt des Kalten Krieges markierte und der ideologische Kampf zwischen Kapitalismus und Kommunismus fast die Welt zerstörte. Das übliche Vorgehen der Spectre-Bösewichter besteht allerdings darin, West (immer die USA und Großbritannien) und Ost (immer Russland und China) gegeneinander auszutricksen, sie sich gegenseitig zerstören zu lassen um dann im Machtvakuum selbst die Weltherrschaft zu übernehmen.

Das heutige Spectre ist eine völlig ideologielose Macht, die an nichts glaubt und zum Zweck einzig die eigene Sicherung und Vergrößerung hat. Man könnte auch sagen: Vermehrung. Man könnte auch sagen: Spectre ist gierig. Spectre ist wie das gespenstische Kapital, das sich selbst vermehren will. Man könnte auch sagen: James Bond war Joseph Vogl immer schon einen Schritt voraus. 

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Die Stimmung des neuen Bonds ist düster, der Grundton kalt und grau. Dass die ewig regnerische Stadt London so viel Raum bekommt in diesem Film, vor allem als Ort des Showdowns, ist vieldeutig. Natürlich, Bond ist aus London, und Bond soll mal wieder abgeschafft werden, weil die Drohne alles besser kann, aber London ist auch der Inbegriff des modernen Finanzkapitalismus. Eine Stadt, die die Wirtschaft eines gesamten Landes aufrechterhält und deren Skyline durch die phallischen Bankentürme gestaltet wird. In einem dieser Türme sitzt im Film die neue Superüberwachungsorganisation CNS – wo eigentlich das Kapital seinen Sitz hat, herrscht jetzt die Datenbehörde.

Bond hat, anders als seine Gegenspieler Hinrichs und Kamerun, seine Sexualität niemals verloren, weil er, der anti-digitale Gespensterjäger, die Postmoderne einfach verschlafen hat, der Mann-Mann bleiben durfte und sich in seiner Unterkomplexität von jeher recht wohl fühlt. Das darf nun Monica Belluci wieder spüren. Gott sei Dank hat Belluci Hinrichs Rat befolgt und ihren Körper als Wertanlage gut verwaltet, sonst hätte sie als 50-Jährige die Rolle der heißen Witwe wohl gar nicht spielen dürfen. Andererseits beschränkt sich ihr Auftritt sowieso auf gestoppte zwei Minuten, weil Bond sich ab dann doch für die eher mädchenhafte Léa Seydoux interessiert.

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Im vorausschauend reservierten Pärchensitz, genannt Lovechair, im Cinemaxx im Sony Center geistern einem dunkle Gedanken durch den Kopf, wenn man selbst statt Léa Seydoux nur Nachos neben sich sitzen hat und über Liebe in Zeiten des Kapitalismus nachdenkt. Haben Hinrichs und Kamerun sich in ihrer Ironie verlaufen und klopfen verzweifelt an die Türen der Zukunft, die ihnen keiner öffnet? Sie können nur erahnen, was sich dahinter verbirgt, hinter dem ganzen Geld- und Angst- und Depressionsnebel: „Ich weiß, dass ich dich liebe, und ich weiß, wenn du mich auch liebst, hält das meine Erinnerung wach, dass da etwas unverfügbar ist“, klingt es noch aus dem HAU.

Unverfügbarkeit – wenn es überhaupt so etwas wie Postironie geben soll, die nicht in eine heuchlerische Pseudo-Authentizität mündet, müsste sie sich wohl diesen Begriff als Anker nehmen. Bond fährt derweil zum ersten Mal in eine Art Flitterwochen. Ob er zuvor daran gedacht hat, sich den Chip unter der Haut entfernen zu lassen? Unverfügbarkeit jedenfalls war für den Agenten niemals eine Option.   

 

Das Festival „Marx’Gespenster“ läuft noch bis zum 22. November im Hebbel am Ufer. Teilnehmende Künstler: Phil Collins, Sylvain Creuzevault, Bojan Djordjev, Nahawa Doumbia, Nathan Fain / Maria Rößler, Keith Hennessy, Fabian Hinrichs & Schorsch Kamerun, Srećko Horvat & Teresa Forcades i Vila, Patrick Wengenroth / Houseclub, Chris Kondek & Christiane Kühl, Max Linz, STAN & de KOE, Sarah Vanhee, Andros Zins-Browne u.a.

Xaver von Cranach ist Autor und lebt in Berlin.