Im Blick zurück entstehen auch Dinge

Kode9's Album 'Nothing'

Ein Album als Beitrag über die Paradoxien von Popmusik. ‚Nothing‘ von Kode9, einem Erfinder des Dubsteps, ist ein wundersames Album gegen Akzeleration, gegen Entschleunigung, aber für die Hoffnung, dass es ein Weiter gibt.

'Nothing' is Kode9's first solo album and is about nothing." Das erklärt Kode9's legendäre Londoner Plattenfirma Hyperdub, deren Kopf Steve Goodman aka Kode9 selbst ist. Die letzten neun Minuten dieses Albums bestehen aus kaum vernehmbarem Rauschen: Zeitlich eingefasstes Nichts. 

"Nichts geht mehr!" beklagen Teile der Popkritik. Die Musik kreise seit einiger Zeit schon obsessiv um die eigene Vergangenheit und um sich selbst. Zwar begreife sie ihre spezifische Historizität, aber es fehle genau jenes Schockhafte, das Popmusik einmal zu einer Mittlerin der Gegenwart und Seherin der Zukunft gemacht habe. Wohin die Zukunft eigentlich abgewandert ist? Weiß keiner so genau, ausnahmsweise jedenfalls nicht ins Internet, denn das habe ja den Archivierungswahn erst befeuert, und somit jene Geister der Vergangenheit gerufen, die die Popmusik nun nicht mehr los werde. Überall nur noch Neuauflagen so genannter Klassiker. Schallplatten-Hype, Pop-Museen, Reenactments, Retro-Trends… Hilfe!

Hilfe!

Kode9's 'Nothing' zu hören, ist innerhalb einer so generalistisch geführten Diskussion wie das Lesen einer Fußnote. Aber oft sind Fußnoten ja das Beste überhaupt. Auch 'Nothing' ist erstmal ein Blick zurück. Um diesen zu verstehen, muss man hier etwas ausholen: In einem Interview sagte Kode9, die Visuals seiner kommenden Konzerte würden ein leeres Haus zeigen. "This is our House!" deklarierte DJ Rashad 2011 in einer (fast) gleichnamigen Footwork-Hymne von 2011. Er beanspruchte damit nicht weniger als einen Teil der Gegenwart. Weil Kode9's Label die Platten von Rashad veröffentlichte, war dessen Haus auch das von Steve Goodman. Aber in diesem Haus fehlen seit dem letztem Jahr zwei Menschen: Eben jener DJ Rashad, der im April 2014 an einer Überdosis starb. Und The Spaceape, der wenige Monate später einem Krebsleiden erlag. Beide standen und stehen jeweils für einen bestimmten Ton in der Popmusik und und im digitalen Zeitalter stirbt niemand mehr so ganz, erst recht kein Sound. Das antwortete sinngemäß auch der Hauntologe Mark Fisher in Spike auf die Frage, ob man überhaupt noch vergessen könne. Und: "We are haunted in a certain way by the loss of loss. What we had thought gone returns as a YouTube video."

Die Kritik will das Album nun fast ausschließlich als Arbeit am Vergangenen und am Verlust verstehen. Ein loses Sammelsurium hat man die Platte geschimpft, eine rückwärts gewandte "Bestandsaufnahme". Die Enttäuschung hinter solchen Beschreibungen rührt wohl daher, dass Goodman sich bislang stets als Mann des Gegenwärtigen präsentierte. 

Der andere Chef-Hauntologe, der britische Theoretiker Simon Reynolds, hat seine Idee der von ihrer eigenen Geschichte besessenen Popmusik an einen Strukturwandel geknüpft. Die von ihm ausgerufenen Retromania konnte erst beginnen, nachdem die Archive des Pop qua YouTube offengelegt waren. Was vormals eine Lebensaufgabe für Nerds und Auskenner gewesen ist – das Anhäufen eines historischen Pop-Wissens (oder eher Pop-Kennens) – sei dank VDSL-Leitungen, iTunes-Store und halbwegs sortierter Tauschbörsen plötzlich einzuholen gewesen, so geht Reynolds Narrativ in verknappter Form. Und in dieser Zeit, den mittleren Nullerjahren – für viele der endgültige Beginn der schönen digitalen Welt, für die Musikindustrie das erklärte Ende des Paradieses – erschienen Kode9 und sein Label Hyperdub und sorgten für schönste Irritationen. 

Aus England verirrten sich plötzlich 12inches mit sehr präsenten Bassspuren und schleppenden Beats, gemacht von Produzenten, deren Namen Kontinentaleuropäern ganz und gar unbekannt waren. Das ist Dubstep, raunten die Menschen. Für einen Moment, also vielleicht für ein paar Monate, hielt die tolle Verwirrung an: Man erzählte, es sei ein bisschen wie Drum 'n' Bass, aber mit viel weniger Drums und viel mehr Bass. Mit der Terminologie Mark Fishers verfügte diese Musik vielleicht ein letztes Mal über den future shock, der Popmusik so lange ausgezeichnet hatte: Zumindest außerhalb von London oder Berlin konnte man erste Dubstep-Partys besuchen, deren wenige aber erwartungsfrohe Besucher keine Ahnung hatten, wie sie sich zu dieser Musik bewegen sollten, und bei denen DJ's die importierten Platten auf falscher Geschwindigkeit spielten, ohne dass sie oder das Publikum dies bemerkt oder sich gar daran gestört hätten. 

Die Plattenlabels hießen Tempa, DMZ, Tectonic. Es gibt sie noch heute, aber niemand interessiert sich mehr besonders für sie, außer eben für Kode9's Hyperdub. Weil Dubstep dort nicht nur mitformuliert wurde, sondern auch gleich wieder auseinandergenommen. Während das Genre langsam zur Brachialpartymusik Skrillex'scher Prägung und ganz schön Mainstream wurde, produzierte Kode9 erratische Bass-Skizzen, erläuterte bei Symposien den Einsatz von Subbässen als Waffe und Folterinstrument und bot in den letzten Jahren dem superschnellen Footwork – wieder so eine Musik, zu der man anfänglich nicht zu tanzen wusste, obwohl sie doch gerade dafür gemacht war – eine globale Plattform. Dazwischen hat Goodman noch einen Doktor der Philosophie erworben und Burial erfunden. 

 

Footwork also, diese hypernervöse Clubmusik aus Chicago, die Bässe wie Schrankwände auf die Tanzfläche stellt und Sprachfetzen so hochfrequentig loopt, bis die Mechanismen der Sprache in Auflösung geraten: Es müsste eigentlich die Lieblingsmusik der Akzelerationisten sein und derer, die sich nicht mit Pop als retromanischem System zufriedengeben wollen. Ließen sich Neuartigkeit, Tempo und affirmatives Potenzial von Footwork bislang gegen alle Entschleunigungs- und Vergangeheitsobsessionen wenden, eben weil es trotz der medialen Bedingungen der Retromanie den future shock hatte, dann ist Kode9's "Nothing" in gewisser Hinsicht der Shock des Shocks. Ausgerechnet der Großimporteur des Genres schlägt nämlich nun in Stücken wie 'Holo' oder 'Casimir Effect' einen neuen Modus vor: Footwork wird hier plötzlich bei deutlich reduzierter Geschwindigkeit und in geradezu sanftmütiger Tonlage vorgetragen. Die damit einhergehende Umcodierung aber ist mehr als eine Referenz auf den verstorbenen DJ Rashad. Sollte man sich in Zukunft zu Footwork angenehm unterhalten können? Oder chillen? Was bedeutet der Tritt aufs Bremspedal für ein Genre? Wird Footwork nunmehr selbst nur noch erinnert,

wird es ein Geist?

Dieses Verschieben von Bedeutungen passiert vielleicht nur in der Detailarbeit dieser Platte. Es ist jedoch kaum anzunehmen, dass Goodman nicht weiß, was er hier tut. Die Behauptung, sein Album handele tatsächlich von Nichts: Understatement. Oder er will Verwirrung stiften. Sein vermeintlich reaktionäres Entschleunigungsmanöver lässt Kode9 als Produzent erkennbar bleiben, der selbst noch im Trauern Codierungen und Konventionen ins Wanken zu bringen in der Lage ist und dazu gar keinen future shock mehr braucht (einer Begrifflichkeit zumal, die vielleicht sowieso ein bisschen zu viel Walter Benjamin intus hat). 'Nothing' ist trotz seines Bezugs aufs Vergangene das Gegenteil einer wehleidigen Bestandsaufnahme, weil es eben ständig fragt wie es weitergeht, Vorschläge macht, Fährten legt, produktive Verwirrung stiftet. Für ein Narrativ, das vom Ende der Popmusik als Währung des Gegenwärtigkeit erzählt, ist die in 'Nothing eingelassene' Paradoxie der Zeitlichkeiten jedenfalls ein schöner Stolperstein, denn es flüstert noch im Erinnern eine selten gehörte Versicherung: The Lab is still open, es geht eben doch auch immer noch weiter.

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Christian Blumberg ist Autor und lebt in Berlin.