Interview Verena Dengler

Scheisse, Mama, Papa!
 Photo: Hanna Putz
 Verena Dengler Germany vs. Austria  (2011) © Bildrecht, Wien, 2017, Courtesy Galerie Meyer Kainer, Photo: Tina Herzl
 Installation view "Jackie of All Trades & Her Radical Chic Academy mit (((HC Playner)))”, Kunsthalle Bern, 2017  © Bildrecht, Wien, 2017, Courtesy Galerie Meyer Kainer
 Verena Dengler Regretting Motherhood  (Detail, 2017) Installation view "Jackie of All Trades & Her Radical Chic Academy mit (((HC Playner)))”, Kunsthalle Bern, 2017  © Bildrecht, Wien, 2017, Courtesy Galerie Meyer Kainer
 Verena Dengler Let’s Paint Sinéad O’Connor and pope John Paul II! , (2017) © Bildrecht, Wien, 2017, Courtesy Galerie Meyer Kainer
 Installation view "Anna O. lernt denglisch in den Energieferien”, MAK-Galerie, Sichtwechsel #4, 2013  © MAK/Katrin WIßkirchen, Bildrecht, Wien, 2017, Courtesy Galerie Meyer Kainer

Die Soloshow von Verena Dengler in der Kunsthalle Bern führte die ganze Bandbreite ihres Schaffens vor. Kaum ein Medium wurde von der Wiener Künstlerin ausgelassen. Obwohl jedes Werk seine Autonomie laut beansprucht, liegt die Kraft ihrer Kunst nicht im einzelnen Objekt, sondern in vielstimmi­gen und widersprüchlichen Erzählungen. Ob in Ausstellungen oder als Mitglied der Wiener Burschenschaft Hysteria, zu der nur Frauen zugelassen sind und die das Ende des Patriarchats verkündet, Dengler findet die Brüche in vorherrschenden Realitätsvor­stellungen und verstärkt sie noch – in der Hoffnung, mithilfe von Satire und politischer Bedingungslosigkeit autoritäre Diskurse endgültig zu sprengen. 

 

Tenzing Barshee: Können wir über die Burschenschaft Hysteria reden?

Verena Dengler: Na ja, das hat mit meiner Kunst direkt nichts zu tun. Obwohl ich als Künstlerin schon etwas dazu sagen kann. 

Dann lass uns über deine Ausstellung„Jackie of All Trades & Her Radical Chic Academy mit (((HC Playner)))“ in der Kunsthalle Bern sprechen, wo die Burschenschaft auch präsent war. Wie kam dort alles zusammen?

Als ich die Kunsthalle das erste Mal besuchte, fiel mir auf, in wie viele Räume sie unterteilt ist und dass ich davor nie mit so einer Ausstellungssituation konfrontiert war. So kam es zur Entscheidung, in jedem Raum etwas anderes zu machen.„Jackie of all trades“, weil ich alles mache. 

Wie in einer Gruppenausstellung?

Eher weil ich als Künstlerin keine einheitliche Praxis habe und die Behauptung aufstelle, dass ich alles kann. Im Hauptraum bin ich Künstlerkuratorin, im Vestibül gibt es Spuren meiner Unterrichtstätigkeit, in einem Raum bin ich Malerin, im „Mutterraum“ sieht man eine Installation. Dann ist da noch den „Vaterraum“, der sich mit Computerästhetik beschäftigt. Es gibt auch einige Kommentare auf andere Kunstwerke, aber keine Ästhetik, die sich durchzieht. Eher ein Feeling, durch das erkennbar wird, dass – bis auf den Hauptraum – alles von mir ist. 

Warum hast du entschieden, den größten Raum einer anderen Künstlerin zu überlassen?

Ich wollte als Künstlerkuratorin arbeiten. Wir nehmen ja den Kuratoren inzwischen die Jobs weg. Aber es ging auch um Freunderlwirtschaft, HC Playner ist in der Burschenschaft. Und darum, diesem unbekannten Werk eine Übersichtsschau zu geben. Sie ist eine öffentlichkeitsscheue Künstlerin, die sich nicht für banale Dinge wie Eröffnungen interessiert. 

 

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HC Playner klingt nach einem Pseudonym, das sich aus dem FPÖ-Politiker HC Strache und der Sonntagsmalerin Tanya Playner, die rechtspopulistische Politiker porträtiert, zusammensetzt. Kannst du mehr über die Person sagen?

Die Namensgleichheit ist reiner Zufall. Ich habe HC Playner über die Burschenschaft kennengelernt. Sie hat kein Handy oder Internet, daher habe ich sie auf einer Alm in der Steiermark besucht, wo sie arbeitet. Dort haben wir auch gemeinsam die Auswahl für die Ausstellung getroffen. 

Was sind das für Pflanzen, die am Eingang zu ihrem Raum stehen?

Das ist Gemeiner Ginster, er hat vulvaartige Blüten, die Symbolpflanze der Hysteria. Interessanterweise blüht er genau zu der Zeit als unsere Eröffnung war. Es ist auch ein Hinweis darauf, dass Topfpflanzen eine Tradition in der Kunsthalle Bern haben. 

 

"Ich dachte, ich bin im VerhÄltnis zu den TÜtenarbeiten von Silvie Fleury die Babyintellektuelle " 

 

Stimmt, ich musste an die Broodthaers-Hommage (1982), David Hammons’ Orchidee (1997) oder Juliette Blightmans Topfpflanzen (2014/2016) denken. Der Wandtext neben den Pflanzen im Vorraum führt in einem seltsamen Ton in HC Playners Werk ein.

Der Eingangstext und HC Playners Gedichte spielen mit rechter Rhetorik, die gegen das Establishment gerichtet sind. In Österreich gibt es einige „rechte Dichter“, [FPÖ-Politiker] Andreas Mölzer zum Beispiel. Deren Sprache ist schwülstig. Dieser „rechte Kunstbegriff“ behauptet stets die wahre Kunst, nichts Oberflächliches. Als die Burschenschaft ihre Bude in Wien übernommen hat, waren da solche Überreste von den rechtsextremen Vormietern: psychedelische Bilder von nordischen Göttinnen auf weißen Pferden oder Tamara de Lempicka-Poster. Die lieben so Kitsch und Pomp, der an den Gefühlen rüttelt. Das ist gruselig! 

 

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Apropos gruselig, warum liegen im Hauptsaal New Balance-Schuhe („Turn a deaf ear to shoes for white people“, 2017) vor einer ausgestopften Hyäne?

Das hängt damit zusammen, dass die Turnschuhmarke von identitären Bewegungen angeeignet wurde, weil für sie das N für „Neue Rechte“ steht. Der Firmengründer hat auch dem Wahlkampf von Donald Trump mehrere hunderttausend US-Dollar gegeben. Mich erinnert es an das Bild von John Heartfield mit der Hyäne auf dem Schlachtfeld und dem Slogan KRIEG UND LEICHEN – DIE LETZTE HOFFNUNG DER REICHEN. Eine martialische Geste. 

Jetzt stelle ich mir vor, dass die Identitären, die die Schuhe getragen haben, inzwischen im Bauch der Hyäne liegen. Was ist das für ein Kleid im HC Playner-Raum?

HC Playner verwertet immer wieder Relikte von Hysteria-Aktionen zu Kunstwerken. Die Puppe trägt ein Kleid, das von einem unserer Burschen auf dem diesjährigen Wiener Akademikerball getragen wurde. Die Hysteria hat auf dem FPÖ-Event ihren Banner über den einer deutschnationalen Burschenschaft geworfen. 

Und dann?

Dann wurde die Veranstaltung zum „Hysteria-Ball zur Erziehung und Schutz des Mannes“ erklärt und alle anderen Burschenschaften als Fake bezeichnet. HC Strache hat im Internet die FPÖ dafür gerühmt, dass jeder, der sich eine Karte kauft und an die Kleiderordnung hält, beim Akademikerball willkommen sei. Das hat eine breite Öffentlichkeit erreicht, weil seine Seite so gut besucht ist. 

Das Umdeuten des patriarchalen Gesellschaftssystems scheint eines der Hauptanliegen der Hysteria zu sein, wiederholt verkündete sie „das Goldene Matriarchat“. Ich sehe eine Überschneidung zu deiner Methode, die Realität zu hinterfragen, also darin, wie du neue Linsen über eine bestehende Perspektive legst, um die Dinge weiter zu verdichten. Indem die Burschenschaft einen bestehenden Banner mit dem eigenen verhüllt, wird eine Fiktion von einer anderen überdeckt, was darauf hinweist, dass normative gesellschaftliche Zustände reine Konstruktion sind, was wiederum bedeutet, dass man sie umbauen kann. Darin liegt etwas Hoffnungsvolles. Wohin führt das aber, wenn diese Methode dazu verwendet wird, die Dinge ständig weiter „zu verbauen“?

Auf dem Akademikerball tragen andere Burschenschaften schwarz-rot-gold. Sie meinen, Österreich sei eine konstruierte Missgeburt, und eigentlich solle das Land wieder an Deutschland angeschlossen werden. Norbert Hofer [Politiker der FPÖ] hielt eine Rede, in der es für die Auguren in ihren Reihen verständliche Hinweise gab, dass „es schon wieder einmal so sein wird.“ Wohin das führt? Die Burschenschaft Hysteria ist zum Beispiel bei der Eröffnung in Bern als uniformierter Block aufgetreten, was für Teile des Kunstpublikums befremdlich war. Dabei geht es in der Kunstszene oft um die Frage, wer dazugehört und wer nicht. Obwohl das natürlich nicht so sichtbar ist. Das fand ich doch sehr interessant, dass manche Leute mit unserem Auftreten nicht umgehen konnten. 

 

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In deiner Praxis machst du immer wieder Kommentare zu anderen Kunstwerken oder zum Kunstmachen selbst. Dabei inszenierst du gleichermaßen das Heroische und das Lächerliche, das der Sache zugrunde liegt. So gibt es verschiedene Überlegungen zum Original und seiner Vervielfältigung. Das kommt auch in der Ausstellung mehrmals vor, etwa im Raum mit der Computerästhetik, aber auch durch die Vervielfältigung deiner Rolle und Person.

Im „Vaterraum“ habe ich mir angeschaut, wie sich zeitgenössische Ästhetik über Materialien festmachen lässt. Einige der Sachen sind aus dem Nachlass meines Vaters, der letztes Jahr gestorben ist. Er hat seit den Siebzigern mit Computern gearbeitet und die Anfänge dieser Technologie mitbekommen. Deshalb kommt das Thema da vor. Das ist keine Recherche-Kunst über Computerentwicklungen, sondern ein persönlicher Umgang mit Sachen, die ich gefunden habe, zum Beispiel ein altes C64-Magazin. Mein Vater hatte einen trockenen Humor, der sich in einigen der Arbeiten wie etwa in „Ein digitaler Wasserhahn – aber wozu?“ (2017) wieder findet. 

Welche Rolle spielt das Biographische in deinem Werk?

Ich habe früh gemerkt, dass meine Arbeit stark an meiner Person hängt. Das wurde mir auch schon vorgeworfen, „Bei dir geht’s nur um dich!“. Ich finde es lustig, weil ich mich gerne in den Vordergrund dränge. Aber das ist natürlich nur ein Teil davon. Wenn ich zum Beispiel eine andere Künstlerin einlade oder in der Vergangenheit jemand wie Envy Nordpol auftauchte, dann ist klar, diese Figuren sind nicht ich. In Bern hat es sich weiter aufgespaltet. Ich weiß nicht, woher das kommt. 

 

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Indem man über das eigene Leben redet, lässt sich ja die Situation von vielen ansprechen. In Bern ist mir übrigens aufgefallen, dass der von dir in den letzten Jahren entwickelte Skulpturbegriff eher abwesend war. Warum? 

Das stimmt schon, aber im „Vaterraum“ liegt ein Teppich, auf dem CARPE FUCKING DIEM geschrieben ist, der in Zusammenhang mit Metallobjekten steht, die Stickereien integrieren. Das ist eine Weiterentwicklung von Dingen, an denen ich bereits gearbeitet habe, beispielsweise inwiefern Textilarbeit skulptural gedacht werden kann. Ich wollte das mit Computerästhetik verbinden, auch wegen des Buches „Textiles Prozessieren“ von Birgit Schneider, in dem sie die binäre Grundlage des Computers auf weibliche Tätigkeiten wie Weben zurückführt. Deshalb standen diese Arbeiten da und nicht im „Mutterraum“. Auf der einen Seite ist der Papa mit den Computern und auf der anderen ist die Mama mit den Babysachen. Das ist mir erst kurz vor der Eröffnung klar geworden: „Scheisse, Mama, Papa!“

 

"Ich habe früh gemerkt, dass meine Arbeit stark an meiner Person hängt. Das wurde mir auch schon vorgeworfen, ‘Bei dir geht’s nur um dich!‘."

 

Lass uns über das Bild „Bussi, Mama!“ (2017) sprechen.

Das ist ein Bild, das bereits in meiner Ausstellung „Dengled Up in Blue“ bei Meyer Kainer in Wien ausgestellt wurde, und das ich übermalt habe. Es bezog sich auf ein Bob Dylan-Cover, für das er im Picasso-Style ein Selbstporträt gemalt hat. Das passte für die Situation, aber als Einzelbild mochte ich es nach der Ausstellung nicht mehr. Es gab keinen Grund es zu konservieren, deshalb habe ich es weiterverwendet. Das mache ich öfter, auch mit Skulpturen. 

Du hast das Bild weiß übermalt und drauf geschrieben.

Der Text kommt von einer Karte, die mir meine Mutter einmal gegeben hat. Weil ich früher immer gesagt habe, ich sei ein verkanntes Genie, hat sie mir die Karte geschrieben: „Es gibt keine verkannten Genies, jeder findet im Leben seinen Platz. Bussi, Mama!“ Das bezieht sich auf den Größenwahn, dass ich alles kann und ein Genie bin. 

 

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Interessanterweise ist es ein Zitat von Ernst Jünger. Was hat es mit den Babyartikeln im „Mutterraum“ auf sich?

Die Babyflaschen auf den Sockeln sind aus dem Lentos Kunstmuseum, wo vor einigen Jahren die Ausstellung „Rabenmütter“ stattfand, in der es um ein anderes Mutterbild in der Kunstgeschichte ging. Das kam in Oberösterreich nicht so gut an, und die Institution wurde stark attackiert. Sie hatten aber super Merchandise, unter anderem gab es im Museumsshop diese Babyflaschen. 

Und die Arbeit „Regretting Motherhood II“ (2017) mit den Einkaufstüten verweist auf Taschenarbeiten von Silvie Fleury?

Die Einkaufstüten sind alle von Babymodedesignern. Das ist ganz schön schwierig zu bekommen. Manche Designer machen gar keine Extrataschen mehr. Gucci macht das beispielsweise nicht mehr, weil da die Kinderkollektion als Miniversion der Erwachsenenkollektion gilt. Ich dachte, ich bin im Verhältnis zu den Tütenarbeiten von Silvie Fleury die Babyintellektuelle. Da ist sie wieder, die Selbstironie. 

Du richtest Ironie nicht nur gegen die eigene Künstleridentität, sondern holst gerne auch andere Figuren von ihren Podesten. Auf einem deiner Bilder gibt es ein Stencil von Pete Doherty.

Ich habe mir die Kunst von Doherty viel angeschaut, das ist sehr radical chic. Er malt Bilder mit seinem Blut, das aus der Heroinnadel tropft. Es gibt Farbflecken auf meinem Bild, die daran erinnern. Ich wollte immer schon einmal eine Ausstellung machen, in der ich mich auf seine Kunst beziehe, ich mag seine Sachen echt gern, aber diese Art von Authentizität ist mir natürlich supekt. PETE DOHERTY IS INNOCENT war ein Anstecker, als er super in war. Ein Polizist, der ihn einmal abgeführt hatte, trug diesen Pin und hat ihn um ein Autogramm gefragt. „Dann müssen sie mir erst die Handschellen abnehmen“, sagte Pete. Ich finde es interessant, dass so eine Figur aus London, dem Epizentrum des Kapitalismus, kommt, und so ein bohemes Leben verkörpert, was für die meisten dort nicht möglich ist. Rechts unten im Bild habe ich noch vor Ort AD MERCY gemalt. Das habe ich in Bern immer gehört, wenn man sich verabschiedet hat, „Ade Merci (Adieu, merci)“. Ich dachte, ich schreibe das hin, wie so ein Rapper in einem Kanye West Stück. 

 

VERENA DENGLER, geboren 1981 in Wien, lebt in Wien. AUSSTELLUNGEN: Kunsthalle Bern (solo) (2017); Zabriskie Point, Genf (solo); „Museion Prize 1“, Museion, Bozen; „Silleteros“, Kinman Gallery, London (2016); Thomas Duncan Gallery, Los Angeles (solo); „Surround Audience“, New Museum, New York; „The Verdant“, Hacienda, Zürich; „Flirting with Strangers“, 21er Haus, Wien; „Why we expect more from technolog y and less from each other“, Wentrup Gallery, Berlin (2015); Galerie Meyer Kainer, Wien (solo); „Ökonomie der Aufmerksamkeit“, Kunsthalle Wien (2014); MAK, Wien (solo); mumok, Wien (solo); „Freak out“, Greene Naftali Gallery, New York, „NOA NOA“, Metro Pictures, New York (2013) VERTRETEN VON: Galerie Meyer Kainer, Wien 

TENZING BARSHEE ist Autor und Kurator. Er lebt in Berlin.

 

Dieser Text ist in Spike Art Quarterly #53 erschienen, erhältlich in unserem Onlineshop.