"Man kann mittlerweile ja genauso gut eine Bombe bauen wie ein Kunstwerk"

Interview

Foto: Violetta Wakolbinger 

VALIE EXPORT im Gespräch mit Gianna Virginia Prein über Re-Enactments feministischer Performances, Kunst in Zeiten des Populismus und neue, interstellare Projekte.

 

Gianna Virginia Prein: Im Lentos endet diese Woche „VALIE EXPORT. Das Archiv als Ort künstlerischer Forschung“, eine Ausstellung mit Ihrem Vorlass, den Ihre Heimatstadt Linz frisch erworben hat. Durch die Präsentation und Raumaufteilung in künstlerische Produktion und künstlerische Forschung wird das Archivieren selbst zum Thema und versucht dabei einen Werküberblick zu geben. Wie gehen Sie mit sich selbst als „Forschungsobjekt“ um?

VALIE EXPORT: Das Schwierigste ist einmal, die Sachen herzugeben. Die Notizen, die Zettel, die Aufzeichnungen … weil sie doch oft sehr intim sind. Man ist manchmal übersensibilisiert, wenn man einen Brief liest, der schon so lange her ist, oder sich Skizzen anschaut, die man gemacht hat. Es war mir schon wichtig zu sehen, welche Gedanken man in der Zeit hatte. Welche Philosophen und Sprachtheoretiker und -theoretikerinnen habe ich in der Zeit gelesen, wo habe ich mich mit meinem eigenen zeitgenössischen Denken befunden, wo konnte ich mich dann auch erweitern durch dieses Denken der Anderen. Es soll ja auch gegenseitig etwas erfahrbar sein.

Waren Sie an der Auswahl beteiligt?

Nein, ich wollte keinen Einfluss darauf haben und war nicht an der Auswahl der Archivalien für die Ausstellung beteiligt. Mein Archiv ist jetzt im VALIE EXPORT Center, ich werde mitarbeiten soweit man von mir Auskunft braucht, wann oder wie etwas war, aber sonst werde ich nicht eingreifen.

Auf einem der Tischdisplays werden Briefe aus dem Jahr 2000, als Sie den Oskar-Kokoschka Preis erhalten haben, gezeigt. Sie haben dem Vorsitzenden der Jury geschrieben, dass Sie den Preis nur unter der Bedingung annehmen würden, dass kein Regierungsmitglied bei der Veranstaltung anwesend ist.

Es ist auch niemand gekommen. Und ich wäre auch hinausgegangen. Ich wäre ganz ruhig hinausgegangen, und die hätten weiter machen können.

 

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Ist das radikal genug?

Das ist eine gute Frage. Aber ich glaube insofern, dass es ein staatlicher Preis ist und man alle Mitglieder bei der Übergabe ausschließt, es schon eine Radikalität der Regierung gegenüber ist. Kein Regierungsmitglied konnte in meiner Gegenwart bei der Preisverleihung anwesend sein, ein paar haben angefragt, es wurde abgelehnt.

 

"Die Zeit, oder die Regierung, die jetzt kommt, wird sehr grausig sein für die Kultur und die Kunst"

 

Aktuell schaut es ja wieder nicht so rosig aus, wie war es unter der letzten Schwarz-Blauen Regierung als Künstlerin?

Das staatliche Kunstbudget wurde ganz deutlich reduziert, Subventionen eingeschränkt, Unterstützungen, Förderungen. Vor allem für kleinere Gruppen und für die offizielle Staatskultur nicht so wichtige Institutionen. Es wurden sicherlich auch Inhalte angegriffen, feministische Inhalte. Es wurde mehr Wert darauf gelegt Inhalte zu fördern, die, allgemein gesagt, „das Volk versteht“. Und nicht so spezielle, experimentelle Überlegungen.

Was nehmen Sie davon für die kommende Amtszeit mit?

Die Zeit, oder die Regierung, die jetzt kommt, wird sehr grausig sein für die Kultur und die Kunst. Es wird sehr schwierig werden für junge Künstlerinnen und Künstler, die sich nicht anpassen wollen, die abhängig sind von Institutionen. Das ist deprimierend. Was man von damals mitnehmen kann ist … wenig, ist nichts, außer eine Warnung.

Wie sehen Sie die Rolle von jungen Künstlerinnen und Künstlern?

Sie haben eine ganze wichtige Rolle, weil sie verschiedene Generationen zusammenbringen. Sie haben nicht nur eine Rolle, sondern eine wichtige Aufgabe. Ich kann eigentlich nur sagen, sie sollen, wie wir das auch gemacht haben, die gesellschaftlichen Probleme, die politischen Zustände, genau analysieren und da einhaken.

 

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Aktionshose: Genitalpanik“ (1969), mit aufgeschnittener Schrittpartie durch die Sitzreihen des Stadtkino Münchens; das „Tapp- und Tastkino“ (1968) als erster mobiler Straßen- und Aktionsfilm von und mit und über eine echte Frau; der Schmerz der Frau, also konkret Ihr Schmerz in „Eros/ion“ (1971) oder „Remote…Remote…“ (1973) – die Relevanz Ihrer Arbeiten, wird nicht nur an der aktuellen Sexismusdebatte deutlich.

Dass ein Teil meiner Werke feministische Inhalte in sich tragen, ist ganz klar, es ist meine Denkweise. Was bedeutet der Körper in unserer soziokulturellen Darstellung, in anderen Kulturen, was ist mein Körper, wie gehe ich mit meinem Körper um, was bedeutet der männliche Körper? Diese Gedanken, Theorien sind die ganzen Jahre über in meiner künstlerischen Auseinandersetzung wichtig. Wenn man es genau analysiert, ist die aktuelle Debatte eine Auswirkung der 60er, 70er Jahre, nur ist man sich dessen nicht bewusst, weil es ein ganz anderer feministischer Ausdruck war, den damaligen Zeiten angepasst. Und das soll auch nicht wiederholt werden. Aber dass in diesen Tagen die Stellung der Frauen intensiver ins Gedächtnis kommt, Gleichberechtigung, Gleichstellung der Frauen intensiver gefordert wird, ist aus den früheren feministischen Bewegungen abzulesen.

 

"Ein Reenactement des frühen Feminismus oder der frühen Werke käme für mich nicht in Frage"

 

Was halten Sie von einem Reenactement dieser Arbeiten ?

Ein Reenactement des frühen Feminismus oder der frühen Werke käme für mich nicht in Frage. Weil die Umstände nicht mehr stimmen und die Rezeption natürlich eine ganz andere sein wird. Gleichzeitig, wenn die Reaktion eine andere ist, ist es der Zeit entsprechend interessant, wie reagiert wird und daran auch Veränderungen zu sehen.

 

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Ist die Kunst hier Vorreiterin gewesen und jetzt ist es nicht mehr nötig, feministische Themen zu behandeln?

Natürlich ist eine künstlerische, feministische Auseinandersetzung noch genauso nötig. Überlegungen, die man in dem Bereich sowieso hat: Wie findet man künstlerischen Ausdruck, mit welchen Methoden oder Gedanken, was versteht man unter künstlerischen Methoden im gesellschaftlichen, nicht nur im rein künstlerischen, Zusammenhang? Es ist ganz wichtig, dass endlich der gesellschaftspolitische Feminismus erfüllt wird und das ist nicht nur die Gleichberechtigung der Frau, d.h. die gleichen Rechte, an denen schon lange gearbeitet wird, sondern die Gleichstellung. Die Gleichstellung ist für mich noch etwas anderes als die Gleichberechtigung. Die Gleichberechtigung sind Menschenrechte. Die Gleichstellung liegt im Gehalt, im Lohn, in der Berufsausbildung, in der Gleichstellung der Arbeitsqualität, in der Beurteilung. Und da ist noch überhaupt nichts erfüllt. Gleiche Rechte sind moralische Auseinandersetzungen, aber zur Gleichstellung gibt es keine Moral. Es wird bezahlt, was die Wirtschaft für die Arbeit leisten will.

Auch die Wirtschaft ist doch zumindest teilweise noch an handelnde Personen gebunden, was denken Sie zum Beispiel, wenn Frauen gegen die Frauenquote sind?

Das ist eine schwierige Sache, denn ich bin auch nicht sehr dafür.

Ja?

Die Quote alleine nützt nichts. Die Quote wird dann erfüllt, wenn sie leicht zu erfüllen ist. Gleichstellung ist nicht Quote, sondern bedeutet auch, dass Frauen in höhere Stellungen kommen und dort auch gleich bezahlt werden. Eine Frau, die einen Quotenjob hat, muss überhaupt gar nicht das leisten, was wichtig wäre für ihre Position auch als Frau.

Damit würden Sie jetzt, unter anderem, den Frauen unterstellen, dass sie nicht qualifiziert für ihren Job sind…

Ich? Das stimmt, das kann in die Richtung gehen. Aber oft stellt sich dann heraus, dass die Leistung wirklich fehlt. Das gilt aber natürlich auch für Männer, nur die brauchen ja keine Quote.

 

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Und wie würden Sie sagen, stellt sich das heraus?

Wenn ich sehe, wen die FPÖ aufgestellt hat (lacht). Da hat ja keine Ministerin etwas gemacht…

….und in der Kunst ?

Naja die Quote in der Kunst, da ist ja überhaupt nichts erfüllt. Früher waren Alibifrauen bei großen, wichtigen Ausstellungen, man spielte mit den Namen, erfüllt hat das bei Weitem nichts.

 

"Der Binärcode beinhaltet einen Dualismus, gegen den ich eigentlich bin. Nicht alles ist binär aufgebaut, das empfinde ich als Einschränkung."

 

An welchen Diskursen orientieren Sie sich aktuell in Ihren Arbeiten?

Mein Überlegungen beschäftigen sich ziemlich viel mit interstellaren Projekten. Das ist ein Bereich, der ganz andere Zeichen und Formen hat, als jene, die wir in unserer Wirklichkeit kennen. Sie sind für mich interessant, weil sie trotzdem mein Denken beeinflussen und das ist ein ganz reales Denken, es ist mein Denken. Andererseits lässt es so viele konkrete aber auch abstrakte Möglichkeiten, über andere Begriffe nachzudenken. Das ist aber nicht esoterisch gemeint.

 

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Wie würden Sie sagen, hat sich das Verhältnis Ihrer Themen und Ihre künstlerische Praxis im Laufe der Jahre verändert?

Ich glaube schon, dass es eine Art Kontinuität in meinen Arbeiten gibt. Sie verändern sich, weil sie ja auch ihrer Zeit entsprechend angewendet sind. Die Zeit ändert sich sehr schnell, aber meine Forschungsziel ist immer noch, mich mit der Vielfalt künstlerischer Sprachen zu beschäftigen. Ich habe immer versucht Wirklichkeit, Nichtwirklichkeit, Bild, Bildimagination, durch verschiedene, technische Mittel auszudrücken und zu behandeln. Das ist ganz wichtig gewesen, weil für mich seit den frühen 60er Jahren die Grundlagen einer Leinwand auch die Grundlagen des Bildausdrucks sind. Zum Beispiel ist der Binärcode eine wahnsinnig simple Sache, die trotzdem sehr viel produzieren, imaginieren und herstellen kann. Er beinhaltet aber einen Dualismus, gegen den ich eigentlich bin. Ich mag diesen Dualismus nicht. In meinen ganzen Arbeiten nicht. Nicht alles ist binär aufgebaut, das empfinde ich als Einschränkung. Aber man kann ja sehr viel damit machen – man kann mittlerweile ja genauso gut eine Bombe bauen wie ein Kunstwerk, aber das möchte ich jetzt beiseite lassen, das geht in Zeiten wie diesen nicht mehr, so etwas zu sagen…

Da sind wir wieder bei der Radikalität; eine Bombe, Kunst, was regt auf und was an, wo sind die Grenzen – was ist denn heute radikal?

Ich kann das nicht so richtig beantworten, muss ich ehrlich sagen. Man muss viel mehr arbeiten an dem Begriff radikal. Was ist radikal? Man muss ihn verifizieren, aber anders – (lacht) ja, man muss immer alles anders machen – aber trotzdem, wie muss man es dann anders machen?

 

VALIE EXPORT
"VALIE EXPORT. Das Archiv als Ort künstlerischer Forschung"
Lentos Kunstmuseum Linz
10. November 2017 – 28 Januar 2018

 

GIANNA VIRGINIA PREIN ist Autorin und Künstlerin. Sie lebt in Wien.