Männer im Sommer

 Foto:  Jürg Christandl

Vladimir Putin, HC Strache, Klaus Theweleit. Ein Tag, viele Männer.

Es ist nur ein einziger Tag und natürlich gibt das, was man innerhalb von 24 Stunden zufällig erlebt und erscrollt wenig Aufschluss über den grundsätzlichen Gang der nahen Zukunft, eines Jahres oder der Gegenwart an und für sich. Am Ende eignet es sich aber womöglich als Klammer, um eine Ahnung darin zu verstauen. 

Morgens im Büro das neue PR-Video von Vladimir Putin: Der Präsident ist noch richtig gut in Schuss, er macht konzentriert Bodybuilding in seinem privaten Gym auf der Sommerresidenz, wo es ein bisschen aussieht wie Pauschaltourismus nach einem Terroranschlag. Nix los, außer Putin und Premier Medwedew. Für russische Verhältnisse steckt der Präsident in einer Krise - nur noch 72 Prozent der Russen würden ihn derzeit wählen, der Rubel fällt, die Inflation steht vor der Tür, da scheinen starke Bilder von starken Typen noch immer eine Option. Auf dem hyper-maskulinen Selbstbild baut Putin bekanntlich seine Führerpersona auf, seit er 2000 zum ersten Mal die Macht übernahm. Über die Oben-Ohne Fotos hoch zu Pferde werden bereits bildwissenschaftliche Doktorarbeiten geschrieben.  

In der Staatsresidenz bleibt das T-Shirt allerdings an, statt dessen wird dem Kollegen auch mal Tee nachgeschenkt, das Kotelett ist eher klein gehalten. Vor ein paar Wochen tauchte Putin vor der annektierten Krim in einer Art Raumkapsel aus dem Meer. Zum aktuellen Coup ließ das russische Staatsfernsehen melden, dass die beiden ihr Essen “ohne Hilfe” zubereitet hätten.  

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Später bei FB führt ein Kommentar der Schriftstellerin Stefanie Sargnagel zu dem mir zuvor gar nicht bekannten FPÖ-Herrenmenschen HC Strache, unter dessen Thread sich Trillionen Likes und Kommentare finden, die man sich nicht ausdenken kann und nirgends nochmal hinschreiben möchte. Strache überlegt, warum auf den Bildern in der Zeitung die Flüchtlinge nur Männer seien. Er vermutet: „Sie lassen ihre Frauen und Kinder in ihrer jeweiligen Heimat zurück, wo sie ihres Lebens angeblich nicht sicher sein können.“ Der blasse Strache und die Menschen, die ihn gut finden, würden statt dessen „unsere Frauen und Kinder hier vor Ort schützen oder auf die Flucht mitnehmen.“ Der Flüchtlings-Mann, mutmaßt Strache, muss also ein feiger Mann sein, womöglich Grund genug ihm die Einreise zu verweigern.

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Unklar bleibt, wo Strache seine Bilder schaut. In Kommentaren lässt sich sowas sowieso nicht gerade rücken, da herrscht der Mob. Hier, und eigentlich fast überall gibt es andere Bilder zu sehen. Aber man muss auch bei Strache gucken, man wird ja seit einiger Zeit wieder gezwungen in die Hässlichkeit hineinzuschauen, in die Nazi-Fratzen, in die Heimatschutz-FB-Gruppen. Und auch muss ich an das schmerzverzerrte, sardonische Sommergesicht von Wolfgang Schäuble denken.  

Nun ja. Etwas später wundert sich Sargnagel, die in Wien Flüchtlingshilfe betreibt, warum sie dabei fast nie Männern begegnet. „Nicht dass es wichtig wäre aber es sind zu 80% Frauen hier am schleppen, packen, sortieren, austeilen…“ 

Eine Art Antwort folgt später beim Mittagessen. 

Mit einem bekannten Autor sitzt man bei gegrilltem Gemüse. Er berichtet davon, dass er akut ein Verfahren am Hals habe, weil er kürzlich Bärgida-Demonstranten mit den vollen Windeln seines Sohnes beworfen habe. Er saß mit einem Gast aus New York auf dem Berliner Balkon, als plötzlich die Pegida-Ableger Parolen schwingend über die Straße marschierten. Dem Autor war das so peinlich, dass er kurzerhand zum Windelschmeisser wurde. Woraufhin ihn die Polizei dann runterbat, Anzeige, usw. Aber das wäre eben auch ein Symptom, meint er nun beim Gemüse, dass die erste Reaktion ein Dagegen sei. Eher auch gegen Nazis kloppen, als den Flüchtlingen helfen.

Das Heroische, das falsch verstanden Heroische. 

Das sich am Abend dann ins Schreckliche wendet. Der Literaturwissenschaftler und Kulturtheoretiker Klaus Theweleit stellt sein neues Buch „Das Lachen der Täter“ vor. Es geht um die Lust zu töten – nicht aus Zwang oder wegen Befehl, sondern weil man es einfach will. Im Brecht-Haus ist es sehr voll, sehr heiß und die Menschen schwitzen stark. Es sind genau so viele Männer wie Frauen hier. Und der berühmte Verfasser der „Männerphantasien“ und herrlicher Bücher über Fußball ist ein weiß Gott guter Redner und erzählt diese grausamen Dinge, etwa aus Ruanda. Theweleit fragt, wie es überhaupt möglich ist, dass jemand eine Erektion bekommt, wenn seine Aufgabe ist, ein Mädchen vor den Augen des Vaters zu vergewaltigen und sie danach umzubringen. Er erzählt von Männern, die laut lachend Menschen Beine mit Macheten abhacken, von grinsenden tötenden IS-Dschihadisten. Das Lachen von Breivik, so berichteten überlebende Kinder, die vom Killer wegschwimmen konnten, klang über die norwegische Todesinsel, wo er in einer Stunde 69 Menschen erschoss.   

Ich habe kein Fazit parat für diesen Tag, es geht mir eher so wie Theweleit: einfach aneinander reihen, die Erlebnisse aufeinander stapeln, etwas wird mit dem Material im Kopf passieren. Seine unemphatisch vorgetragenen Geschichten, die auf eine unerklärliche Art unpassend erscheinen, sie führen zu nichts. Er weiß nicht, warum die Männertäter lachen, anstatt zu weinen. Die Männer des Tages, sie eint einzig, dass sie so falsch in der Zeit wirken, so übrig geblieben. Die Männer, die absperren müssen, die Grenzzäune bauen, Menschen abhalten, Menschen im Dunklen schmuggeln, der Pfefferspray-Polizist, der einem Migranten in der Notunterkunft was befiehlt, die brüllenden, zornigen Männer. Die Nachrichten sind voll von ihnen, die wie aus der Vergangenheit hergeschickt scheinen, um eine schon veränderte Welt im Zaun zu halten. Ihr Sommer ist nun vorbei. Es kommt der Herbst. 

 

Timo Feldhaus ist Autor und Spike-Redakteur. Er lebt in Berlin.