Q&A Benjamin Bratton

 Photo: Egor Slizyak

Verändert der Feed die Erfahrung von Zeit?

 

Die Einkapselung von „sozialer“ Information in die allgegenwärtigen Feeds erzeugt ein ständig wachsendes Archiv großer und kleiner Spuren, das zum Großteil unsichtbar bleibt. Wir bräuchten eine virtuelle Geologie des Feed, die dieses Archiv sich selbst vergegenwärtigt. Jetzt hingegen haben wir eine Verdichtung von Zeit zu einer nicht abreißenden Abfolge von Momenten, die nach Reaktionen verlangen: eine Mischung aus einem Cadavre exquis und einem Perpetuum mobile.

Der Feed als Cadavre exquis zeigt ein zusammenhangloses Mosaik von Inputs aus unterschiedlichen Quellen, unter dem organisatorischen Effektor des „Neuesten“ sortiert. Ein Feed in Form einer Wall kann auch Kommentare von Usern einbeziehen, die wahrscheinlich beim aktuellsten Eintrag beginnen, und daher nicht so sehr auf den semantischen Zusammenhang des Ganzen reagieren, sondern auf das jeweils letzte Posting. Wie bei jedem Cadavre exquis ist der daraus resultierende Kommunikationsvektor extrem sprunghaft. Aber wie die stigmergischen Spuren von Insekteninteraktionen können die vielzähligen Konversationen zu einer umfangreichen Sammlung und Abbildung von Perspektiven führen, wegen – und nicht trotz – der scheinbar kurzsichtigen Rekursion von vielen kleinen Äußerungen. Wenn nur das Archiv dafür offen wäre.

 

Das Perpetuum mobile des Feed ist der scheinbar unendliche Strom von Inputs, der endlos ganz oben etwas Neues hinzufügt.

 

Das Sisyphos-gleiche Arbeiten an der Inbox entspringt wohl eher einer unglücklichen Metaphorisierung der Verantwortung, die User ihren Feeds gegenüber empfinden, so zum Beispiel im Versuch totale Kontrolle über sie zu haben: die Zen-Ethik von Inbox Zero. Für andere User, die nur hin und wieder in den Strom tauchen, ist das Immer-An-Sein des Feed weniger Stress. Der Kontakt mit dem Feed ist für sie eher wie eine Wasserprobe aus dem Ozean. Die Zusammensetzung des Feed hängt von dem Zeitpunkt ab, an dem sie entnommen wird, aber auch von seinen größeren klimatischen Zyklen.

Es war der alte Traum von RSS, dass alles und jeder einen eigenen Feed veröffentlichen könne, und das in einem je eigenen Update-Rhythmus. Dieses „alles und jeder“ könne tierisch, pflanzlich oder mineralisch sein. Eine Person oder ein Medienunternehmen würde etwa mehrmals am Tag etwas posten, der eingebaute Sensor einer Brücke hingegen nur neue Information melden, wenn irgendetwas bricht. Jeder User könne seinerseits die Feeds von anderen abonnieren und seine eigene Sammlung von Inputs kuratieren. Im aktuellen Internet der Dinge wäre diese Kommunikationsorgie allerdings ein Sicherheits- und Datenschutzalbtraum. Master-Plattformen schalten sich dazwischen, um Feeds nach ihren Regeln zu strukturieren. Facebook gestaltet Profile und die Feeds, die diese miteinander verbinden, indem es für Vorhersehbarkeit auf Kosten von Programmierbarkeit sorgt und für Benutzerfreundlichkeit auf Kosten von Opazität. Netzwerke aus Links wachsen nach festgelegten Regeln.

Etwas von diesem alten Traum ist vielleicht noch möglich, aber es braucht ein Archiv, in dem gesucht werden kann. Wo ist dieses Archiv? Theoretisch in den geologischen Schichten von allen Feeds zusammen (und den Metadaten über ihre Beziehungen zueinander). Die Zukunft nach „most recent“ ist eine, in der: 1. Cadavre exquis und Perpetuum mobile nicht mehr die Zeitlichkeit des Feed bestimmen, und 2. dass Kompromisse wie bei Facebook (etwa die Unterscheidung von Hominiden und anderen Arten von Usern) obsolet werden. Eines dürfte das andere voraussetzen.

Aus dem Englischen von Roland Bartl

 

BENJAMIN BRATTON ist Autor von „The Stack. On Software and Sovereignty“ (MIT, 2016) und Education Program Director am Strelka Institute in Moskau.

Dieser Text ist in der Printausgabe Spike Art Quarterly #52 erschienen und kann im Online-Shop bestellt werden.