Q/A Chus Martínez

 Chus Martínez Foto: nici jost photography

Wie kann Kunst neue kulturelle Formen schaffen?

Agency ist eine komplexe Mischung aus Bewusstsein, Wille und strategischem Handeln. Agency klingt für mich männlich. Ganz automatisch. Auch wenn es klarerweise nicht so sein müsste. Durch die Diskussion über die katalanische Unabhängigkeit und die Langeweile, die sie in mir auslöst, entwickelte ich eine besondere Aufmerksamkeit für die Bilder der „Castells“ (katalanische Menschenpyramiden), die hin und wieder in den Zeitungen auftauchen. Ich hatte nie besonders über sie nachgedacht. Symbole bedeuten mir nicht viel, und Tradition noch weniger. Aber vergessen wir kurz einmal die naheliegenden kulturellen Deutungen dieser Menschenpyramiden und stellen uns vor, dass so eine Formation keinen anderen Zweck hat als ein Treffen mit dem Ministerrat im zweiten Stock eines Gebäudes zu erzwingen. Oder, noch banaler und dümmer, die Sonne, den Mond oder die Sterne zu erreichen. Malen wir uns das in den einfachsten Bildern aus und stellen uns vor wie toll es wäre, sich regelmäßig mit Freunden zu treffen um eine Aktion zu planen – eine Kunstaktion. In der Kunstwelt haben wir uns zuletzt zu sehr auf Displayformen und -formate verlassen.

Es wurde viel darüber diskutiert, wie Kuratoren bestimmte Merkmale von Kunst forcieren, um sie für die Öffentlichkeit, den Markt und die Institutionen attraktiv zu machen. Und lange galt Partizipation als neues Band zwischen Künstlern und Publikum. Aber wenn ich morgen eine Großausstellung zusammenstellen müsste, würde ich vorschlagen, Supergruppen zu bilden. Eine Supergruppe wäre meine Art, Einzelpräsentationen oder Gruppenausstellungen mit ihren überfrachteten Konzepten zu entgehen. Neulich habe ich wieder einmal länger über die Arbeiten von Künstlern nachgedacht, die ich toll finde, und mir vorgestellt wie es wäre, wenn sie zusammenarbeiten. In meinem Tagtraum sind die Leute natürlich wirklich wild und anders. Es ist der Tagtraum einer Produzentin, und er handelt davon, was ich vermisse. Ich vermisse nicht (nur) alternative ökonomische Modelle, (nur) intelligentere Ausstellungen, (nur) bessere Vermittlungsprogramme oder (nur) mehr Möglichkeiten zur Zusammenarbeit mit gewissen Leuten. Ich vermisse das alles. Aber vor allem vermisse ich eine viel kühnere Fantasie dafür, wie man mit radikal anderen künstlerischen und diskursiven Sprachen umgeht. Und ich wünsche mir Ergebnisse, die verrückter sind, erfinderischer, und überraschender. Das klingt nach Kabarett, und das ist es auch: gut produziert und voller neuer Geschlechter. Ich habe gerade ein spätes Interview mit Groucho Marx gesehen .... Aber darüber sprechen wir ein anderes Mal. —  

Aus dem Englischen von der Redaktion

CHUS MARTINEZ leitet das Institut Kunst der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Basel. Zuvor war sie Chefkuratorin am El Museo del Barrio in New York (2012–2013), Teil des Kernteams der documenta-13-Agenten (2012), Chefkuratorin am MACBA in Barcelona (2008–2010) und Direktorin des Frankfurter Kunstvereins (2005–2008).

Dieser Text ist in der Printausgabe Spike Art Quarterly N° 46 erschienen und kann im Online-Shop bestellt werden.