Q/A Jack Self

Warum gibt es keine Kritik in der Mode?
 © Benjamin Huseby

Anscheinend sind alle bis auf wenige Modekritiker so verunsichert, dass sie sich nicht klar ausdrücken können. Wahrscheinlich liegt das an der mangelnden Klarheit der Mode selbst. Zu viel Ironie und komplizierte Bezugnahmen (historische wie kulturelle) stehen den Designern dabei im Weg, eine präzise Vision zu entwickeln, wie Menschen heute leben oder sich kleiden sollten. Das bewährte Modell der saisonalen Kollektionen ist schon seit langem überholt. Ob bei Instagram-Brands oder Luxus-Streetwear, Rolling Releases [laufende Aktualisierungen] und Kapselkollektionen sind nicht mehr aufzuhalten und lassen das Saisonale immer altmodischer aussehen. Als würde man die Morgenpost zugestellt bekommen, obwohl es Emails gibt. Also müssen Designer in immer kürzeren Zeitabständen immer mehr produzieren. Kein Wunder, dass einige Brands da nicht mitkommen.

Abgesehen vom Stress der Überproduktion gibt es aber ein noch wichtigeres kulturelles Thema, was das Kritische in der Mode komplizierter gemacht hat. Denken wir zurück an die 90er und frühen 00er Jahre, als das dominierende Feld der kulturellen Produktion ohne Zweifel die Kunst war. Egal ob man sie gut oder schlecht findet, es lässt sich nicht leugnen, dass Star-Künstler wie Jeff Koons oder die YBAs für die Vorreiter der zeitgenössischen Kultur gehalten wurden. Doch als die Kunst im Laufe des darauffolgenden Jahrzehnts immer kommerzieller wurde (Damien Hirsts Diamantentotenkopf ist das beste Beispiel), versuchte das Galeriensystem jedes inhaltliche Risiko aus der Kunst zu eliminieren. Daher sind die meisten Kunstwerke heute genauso banal wie die uniformen Institutionen, die sie ausstellen – und wenn nicht, dann nur weil sie de facto nicht-kommerziell und von geringem monetären Wert sind.

Seit den frühen 2010er Jahren nimmt die Relevanz von Kunst also ab, während gleichzeitig der Elitismus der Mode am Zusammenbrechen ist. Früher war die Welt der Mode eine exklusive Nische, doch fundamentale Veränderungen wie neue Verkaufsplattformen, neue Brand-Typen und die Verwischung von High Street und Haute Couture haben sie auf radikale Weise einem breiten Publikum zugänglich gemacht. Was ziemlich erstaunlich ist. Mode wurde nun also zur dominierenden kulturellen Ausdrucksform der Gesellschaft. Das erzeugt großen Druck auf die Branche, die diese Rolle traditionell nie hatte. Viele Designer wissen einfach nicht, was ihre Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft im kulturellen Sinn überhaupt ist. Daher der Mangel an Präzision und Kontrolle, das Unklare und Zweideutige, und das Vertrauen in die Ironie.

Diese neue Verpflichtung, die die Mode von der Kunst übernommen hat – nämlich an der Spitze der Kultur zu stehen –, hat sie noch nicht richtig verstanden. Es ist jedoch eine große Chance für neue Formen des Kritischen.

 

JACK SELF ist Architekt und lebt in London. Er ist Direktor der REAL Foundation und Chefredakteur von Real Review

 

–  Dieser Text ist in der Spike Art Quarterly #55 erschienen und kann im Online-Shop bestellt werden –