Q/A Vincent Honoré

Ist die ganze Welt Bühne?

„Call me Caitlyn“. Auf dem Juni-Cover der Vanity Fair liefen diese Worte über das Bild des früheren olympischen Zehnkampfathleten Bruce Jenner, der gerade zur Frau geworden war. Ein Sturm der Begeisterung ging durch die sozialen Medien: Die Freiheit zur Gestaltung der eigenen Identität, wie sie unsere Zeit so prägt, hatte gesiegt. Die drei Worte demonstrierten, wie sehr Performativität das Bild des Körpers und damit die Identität prägt. Noch mehr als die tatsächliche Verwandlung am Operationstisch drückt die sprachliche Selbstschöpfung „Call my Caitlyn“ – für Caitlyn selbst wie für ihr Publikum – den Moment der Metamorphose von einem Seinszustand in einen anderen aus. Uralte sozio-sexuelle Codes werden beiseite geschoben, Gender und sexuelle Orientierung erscheinen nicht mehr nur als Werkzeuge essenzialistischer Kontrolle, sondern als Techniken der Selbsterschaffung. Judith Butlers Konzept der performativen Gender-Codes verkehrt sich ins Gegenteil: Die verengende Selbstauferlegung gesellschaftlich normierter Zeichen mündet in Ermächtigung und Befreiung. Statt dass Caitlyn nur die Geschlechterrolle wechselt um als Frau aufzutreten, äußert sich in ihrer Selbsterklärung der Anspruch auf die Verwirklichung ihres eigenen Selbstbildes. Und das große Medienecho zeigt, wie sehr sich unsere Zeit in Richtung selbstdefinierter Identität bewegt – einer Identität, die, wie alle Formen des Werdens, auf performativer Übung beruht. Seit dem 17. Jahrhundert ist die Welt eine tragische, erhabene, epische und absurde Bühne. Jetzt schreiben sich die Darsteller einer sinnlosen und kontaminierten Welt ihre eigenen Rollen und werden ihre eigenen Regisseure. Identität wurde zur entscheidenden Bühne der Realität. Um es mit dem Motto der seit kurzem geschlossenen Londoner Drag-Bar The Black Cap zu sagen: „Sei fabelhaft!“. 

Aus dem Englischen von der Redaktion.

Vincent Honoré ist Direktor und Chefkurator der David Roberts Art Foundation (DRAF) in London. Sein Ausstellungs- und Veranstaltungsprogramm vereint verschiedenste Disziplinen wie Tanz, Literatur und Musik und geht der Frage nach, wie sich Ausstellungen als Prozess gestalten lassen.​