So war der erste Tag der Berlin Art Week

Sprint durch die Ausstellung Stadt/Bild
 Marianne Vlaschits MALIBU MOONRISE, 2012/2015 Installationsansicht, Detail  Photo Timo Ohler  
 Modell von Rem Koolhaas. Daraus ist leider nichts geworden
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 Installationsansicht  V.l.n.r./F.l.t.r.: Ulu Braun: THE PARK, 2011 Basim Magdy: MY FATHER LOOKS FOR AN HONEST CITY, 2010 Klaus Weber: SANDFOUNTAIN, 2012 Sophie-Therese Trenka-Dalton: From the series ROUNDABOUT MONUMENTS IN THE UAE, 2014 Photo Timo Ohler  
 Crowd
 Xenopolis 
 Tobias Madison: Dilemma 6, 2015

Wenn James Franco und Veruschka sich im Flachbau zuprosten, dann hat die Art Week eigentlich schon das beste Stadt/Bild produziert, bevor sie überhaupt begonnen hat. Der Flachbau ist eine Alkoholiker-Kneipe zwischen Halleschem Tor und Moritzplatz, am Rande des ärmsten Bezirks in Kreuzberg, der seit einiger Zeit durch das „Kreativzentrum Aufbau Haus“ und die Galerie-Kirche St.Agnes aufgewertet wird. Und so staunen die Trunkenbolde, die hier jeden Tag ab 11 Uhr morgens ihr Bierchen genießen, gar nicht mehr allzu sehr, wenn von der Berlinischen Galerie die Brandlhubers und von Johann Königs Kirche St.Agnes, wo Nike mit dem Magazin 032c feiert, die neuen Leute von beiden Seiten anrauschen und es eng wird an der Bar wie auf dem Sofa der Simpsons. Am Montagabend stehen da eben noch der berühmte US-Schauspieler und das 1939 in Königsberg geborene, tollste Fotomodel, das Deutschland je zu bieten hatte. 

Das war aber noch Preview, gestern ging es dann richtig los. Nach dem knallhart verpoppten „Painting forever!“-Titel nun beim zweiten Mal asketischer: Stadt/Bild- unter diesem thematischen Dach eröffnen vier der führenden Berliner Institutionen - Berlinische Galerie, Deutsche Bank KunstHalle, KW Institute for Contemporary Art und Neue Nationalgalerie gemeinsam Ausstellungen.

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In der Berlinischen Galerie hat der Architekt und Brutalist Arno Brandlhuber 500 Modelle der Architektursammlung ans Licht geholt, die bei Berliner Bauwettbewerben durchgefallen sind. Diese sollen nun digitalisiert werden – mit dem schönen Nebeneffekt, ein alternatives, ungebautes Berlin ansichtig zu machen. Aktuell im Lichte platziert: ein schöner Entwurf von Rem Koolhaas für das Kranzlereck, auch aus diesem ist leider nichts geworden. Weiter zu den KW, die man heute nur durch den kleinen Keller betreten kann, runter die Treppe schlängeln sich 1000 Besucher, die Marianne Vlaschits Burschen baden sehen wollen. Die Wienerin hat sich angestrengt und ausufernde, paradiesische Skulpturen-Landschaften in den dunklen Raum gemalt, in denen junge Nackedeis lagern und sich räkeln. Im großen Raum ein riesiger Brunnen von Klaus Weber, aus dem statt Wasser Sand „fließt“ und der einen bei gutem Licht in einen apokalyptischen, bombardierten Irak aus 1001 Nacht katapultiert. Kinder-Neoprenanzüge in Rettungswesten-Optik an der Wand von Tobias Madison, ein neuer Film von Julius von Bismarck, der einen Teil des Regenwaldes erst weiß angesprüht und dann wieder grün hat anmalen lassen. Der dieses Mal sehr gelungene Einbau-Parcours endet mit den verstörenden Ekelvideos von Jon Rafman. Mit Roman Schramm, Sophie-Therese Trenka-Dalton, Sven Johne, Nina Beier und anderen sind junge Berliner Künstler vertreten, die einen locker-versponnenen Umgang mit der Stadt pflegen.

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Womöglich ist es gerade gut, dass man hier eng am Dschungel-Phantasma bleibt, statt großspurig eine Stadtdebatte mitzuführen. Staatssekretär Tim Renner sagte bei der Pressekonferenz in der ehemaligen Margarinefabrik, die Klaus Biesenbach und andere viele Jahre vor allen Berliner Gentrifiszierungsdiskussionen in die KW verwandelten: „Wir haben uns nach der Wende die Stadt erobert, jetzt gilt es sie zu verteidigen.“ Wo sich sogleich die Anschluss-Frage stellt: Wer ist eigentlich Wir? Meines Wissen sind sowohl Renner als auch ich selbst erst Anfang der 2000er nach Berlin gekommen, er als Musiklabel-CEO, ich als Student. Kurz vor der Art Week machte ihm eine Fraktion der Berliner Künstler Druck, sie schlägt ein anderes, breiter angelegtes Modell der Künstlerförderung vor. Auf den ersten Blick findet man bei Stadt/Bild kaum Produktivmachungen von Problemzonen Berlins, die ein solcher Titel in Zeiten des Stadtmarketings ja durchaus aufruft. Aber es war bisher nur ein erster Blick, ein Durchrauschen. Die Ankündigung von Xenopolis in der DeutscheBank Kunsthalle tönt in die Richtung. Wie weit Udo Kittelmanns groß angelegte Reihe „A Happening by Allan Kaprow, 1967/2015", eine Variante von Kaprows Skulptur aus Eisblöcken, die sich innerhalb der nächsten Tage an verschiedenen Orten von Berliner Künstlern frei interpretiert werden soll, in die Gegenwart reichen kann, bleibt abzuwarten. Heute findet in diesem Zusammenhang eine Performance von Antje Majewski und anderen neben einem Flüchtlingsheim statt. Die KünstlerInnen werden die Dimension der Eisblockstruktur im Raum nachzeichnen und füllen diese Form mit allerlei nützlichen Objekten wie Pflanzen, Büchern, Kleidung auf. Und der Regen regnet über die rechten Eisblöcke vor der Neuen Nationalgalerie.  

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Wenn man am Abend, Galeristen und Direktoren abklatschend, nach Hause schwankt, dann sieht man in den Augen der einen die souveräne Euphorie über den Anfang, der heute gemacht ist, während die anderen noch nach vorne schauen, denn bereits heute abend machen sie fast alle ihre Galerien auf, ab übermorgen zeigen dann einige bei der Messe abc. 

 

Alle Infos zu Stadt/Bild hier. 

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Timo Feldhaus ist Autor und Spike-Redakteur. Er lebt in Berlin.