Spike Conversations: Kritik & Prekarität

Fulvia Carnevale, Teil des Pariser Künstlerkollektivs Claire Fontaine, und der Theoretiker Rory Rowan be­ klagen sich. Kunst wird immer mehr zum Job, es bleibt zu wenig Zeit fürs Denken, und Künstler müssen sich wie Rockstars verhalten um den Sammlern zu gefallen. Gibt es noch Hoffnung?

Alexander Scrimgeour: Wir sind hier um über Kritik und Preka­rität zu sprechen, zwei allgegenwärtige Begriffe für uns, die mit Kunst zu tun haben. Fulvia, möchtest du beginnen?

Fulvia Carnevale: Die Einladung war als ganz explizite Frage formuliert, wie wir unsere Unabhängigkeit, unsere Autono­mie erhalten können, wenn dieser große Druck von außen kommt. Die Frage geht davon aus, dass wir mit Zensur, Boy­kott oder eingeschränkten Arbeitsmöglichkeiten konfrontiert sind, wenn eine Arbeit politisch ist und für den Status quo gefährlich sein könnte. Kuratoren werden entlassen, wenn sie Ausstellungen machen, die unerwünscht sind, aber Künstler können nicht entlassen werden, weil sie für niemanden arbei­ten. Wenn man mit einer Arbeit nicht ausdrücken kann, was man möchte, ist es sinnlos sie zu machen.

Alexander Scrimgeour: Ich habe das Gefühl, dass es einen laten­ten Druck auf die Leute gibt, weil es in der Kunst immer we­niger um Selbstausdruck oder Unabhängigkeit geht, sondern um einen Job. Rory, wie sieht das aus der Perspektive der Uni­versität aus, die von außen betrachtet wie ein sicherer Ort für unabhängiges Denken und Kritik wirkt.

Rory Rowan: Derzeit habe ich eine ziemlich angenehme Stelle an der Universität in Zürich, aber davor lebte ich in den USA und in London und versuchte als freier Autor und Redakteur über die Runden zu kommen. Ich war damals am Rand der Kunstwelt und der akademischen Welt.In der Kunstwelt hatte man zumindest die Möglichkeit, etwas zu verdienen, hin und wieder 250 Dollar für einen Talk oder so. Natürlich erhofft sich die Kunstseite von der The­orie Legitimation. Aber neben den finanziellen Problemen „Wie werde ich die Miete bezah­len?“ oder „Was werde ich es­ sen?“, gibt es auch subtilere Pro­bleme, die mit dem Innersten zu tun haben: „Was heißt es, Künst­ler zu sein?“, „Wo will ich hin?“, „Warum mache ich das eigent­lich?“. Ich glaube, für viele ist Kunst immer noch ein Ort, wo sie Fragen für die Gesellschaft stellen können. Auch Selbstausdruck ist immer noch eine wichtige Motivation, aber beides tritt in den Hintergrund, je mehr es um Professionalisierung und Karrierebildung geht. Das ist ein extrem anstrengendes Szenario.

Fulvia Carnevale: In den 70ern war es üblich, dass Künstler the­oretisch gearbeitet haben. Ich verstehe nicht, warum man da­ mit aufgehört hat, denn eigentlich ist das eine Notwendigkeit.

Rory Rowan: In den 60ern und 70ern wurde es fast erwartet, theoretische Arbeiten als wesentlichen Teil seiner künstleri­schen Praxis zu sehen.

Heute ist die Erwartungshaltung weit­ verbreitet, dass jemand anderer einen Diskurs produziert, der die Arbeit konzeptuell legitimiert.

Alexander Scrimgeour: Es fand auch ein Wandel statt, da in der Kunst Prekarität, neoliberale Subjektivität und Geld zusam­mentreffen. Damit wird kritische Kunstpraxis zu etwas, das im Zentrum agiert.

Fulvia Carnevale: In der Kunst hat sich viel verändert seit wir vor zehn Jahren Claire Fontaine gegründet haben. Die Leute, die zeitgenössische Kunst kaufen, wollen etwas anderes, et­ was visuell Aufregendes ohne jede Kontextualisierung. Es gibt immer weniger Leidenschaft für Kunstgeschichte oder dafür, welche Position eine Praxis innerhalb einer histori­schen Landschaft hat. Es gibt viel Nachfrage für Dinge, die nahe an der Dekoration sind ohne wie Massenprodukte aus­ zusehen. Das Kunstwerk hat etwas Handwerkliches, ich glau­be das zieht die Sammler an. Das Readymade bekam einen immer problematischeren Status, weil es sehr unspektakulär ist. Nicht weil es immer mehr Objekte auf der Welt gibt, auch Apple schafft es die Leute zu begeistern mit seinen Produk­ten, das Objekt selbst ist nicht weniger spannend geworden, ganz im Gegenteil, eher noch interessanter. Aber unser visu­elles Denken hat sich sehr stark verändert, was sehr trauma­tisch für mich ist. Ich kann nicht beurteilen ob das eine echte Verarmung ist, aber etwas Vergleichbares zu dem, was zur Zeit von Minimalismus oder Abstraktion auf dem Spiel stand, ist nicht mehr möglich. Das waren existenzielle Haltungen. Man machte Arbeiten um einen Platz in der Welt zu finden. Und dass man diese Arbeiten machte, formte die Welt. Ihre Stummheit löste neue Gefühle aus, doch sie sprachen auch die Seele an, und aus irgendeinem Grund war man sehr empfänglich dafür. Das hatte politische Implikationen, aber nicht weil es um dies oder jenes „ging“. Heute ist es sehr schwer etwas Vergleichbares zu sehen, geschweige denn es zu ma­chen, oder es nur zu erkennen und sagen zu können, „Okay, das ist wirklich toll, wow. Ich möchte mit anderen darüber reden.“ Das passiert im Film, aber aus irgendeinem Grund nicht in der aktuellen zeitgenössischen Kunst. Das ist nur sehr schwer zu ertragen, wenn man in dem Feld arbeitet.

Alexander Scrimgeour: Ich glaube, dass viele Leute eigentlich nicht mehr an die Kunstwelt glauben, auch wenn sie darin verwickelt sind. Man agiert um ein leeres Zentrum herum. 

Fulvia Carnevale: Auf eine bestimmte Weise ist sie ein beque­mer Ort. Sie ist freier als andere Orte, aber sie ist enttäu­schend, und das sollte sie nicht sein. Es geht nicht um ein moralistisches „Die Leute machen Scheiße.“ Ich weiß nicht einmal, ob es Scheiße ist, es begeistert mich einfach nicht. Ich sehe nichts, was die gleichen Emotionen oder einen Diskurs erzeugt wie die Sachen aus den 70ern. Ich bin nicht nostal­gisch, ich will nur, dass so etwas jetzt passiert.

Alexander Scrimgeour: Was ist mit der Hoffnung auf etwas Neues?

Fulvia Carnevale: Der Hunger nach dem Neuen ist dumm. Es kann nicht alle fünf Sekunden etwas Neues kommen; es kann nicht jede Saison einen neuen heißen Künstler geben. Wir sind ja nicht in der Mode, verdammt noch mal. (Lachen)

Rory Rowan: Ich glaube, das ist unter anderem ein Symptom der immer schnelleren Mediatisierung von Kunst – von allem –, aber in ihrem Zentrum gibt es dieses merkwürdige Gefühl von Stillstand. Aber was du ansprichst, spiegelt eine größere Krise der Kritik wider. In der kritischen Sozialtheorie gibt es eine tiefe Unzufriedenheit darüber, dass sie nicht hielt, was sie versprochen hat. Aspekte des sogenannten Spekulativen Rea­lismus, der Objektorientierten Ontologie und des Neuen Ma­terialismus wirken auf mich wie ein Versuch, sich von der Demystifikation abzuwenden, die im Zentrum des Kritischen stand, und die Welt mit magischem Vitalismus wieder zu ver­ zaubern, mit der „Lebendigkeit“ der Dinge und anderen bi­zarren Sachen, die meiner Ansicht nach nicht viel zu sozialen Fragestel­lungen und Problemen beizutragen haben. Auch wenn diese neuen Denk­modelle aus einer Enttäuschung über die älteren kritischen Theorien heraus entstanden sind, haben sie definitiv nichts Neues gebracht. Fulvia, du hast auch dieses Sich­Ab­ wenden von einer moralischen Reaktion erwähnt, was oft eine Art reflexhafte Antwort ist. Ich finde es gut, wie du über gesellschaftliche Prozesse denkst, sich selbst nicht herauszu­halten, sondern eine politische, strategische Antwort zu ha­ ben, die sich die Machtspiele ansieht und nicht nach gut und schlecht bewertet. Den Leuten geht das auf die Nerven. Und ich glaube, das ist einer der Gründe für das derzeitige Unbe­hagen mit der Kritik. Obwohl es auch wichtig ist, Kritik nicht vorschnell zu dissen, weil das dazu führen kann, dass es die Leute davon freispricht über ihre Machtposition nachzuden­ken.

Alexander Scrimgeour: Fulvia, ermöglicht euch die distanzieren­ de Geste, Claire Fontaine als eine „Readymade Künstlerin“ zu führen, Raum für eine neue Subjektivität zu schaffen?

Fulvia Carnevale: Es war eine Art Notwendigkeit, um ehrlicher mit dem umgehen zu können, was wir machen. Es ist absurd, wie sehr es um die Identität des Künstlers geht: was er isst, wie er sich anzieht, wo er geboren ist, wie er aufwuchs, ob er schwul ist oder nicht. Das ist ein Haufen Scheiße. Die Persönlichkeit des Künstlers soll vermarktbar sein, fast erotisch aufregend für den Sammler. Man soll zum Rockstar werden. Es ist lächer­lich, nicht von einem moralischen, sondern von einem menschlichen Standpunkt aus gesehen. Ich möchte mit Menschen sprechen, weil sie inter­essant sind. Es ist mir egal, was sie an­haben, es ist mir egal, wo sie aufgewachsen sind, ihre sexuel­len Vorlieben sind mir egal, und es ist mir egal ob sie im Artforum Diary waren. Mit Claire Fontaine konnten wir uns von all dem distanzieren und einen Raum erzeugen, wo wir radikaler und schärfer sein können, als es mit unseren eigenen Biografien möglich wäre.

Dann gibt es diese ganze Frage, was Subjektivität heute ist und wie man sie einsetzt. Wir versuchen diese Problematik über den Begriff des „menschlichen Streiks“ durchzudenken, mit der Vorstellung, dass man dem globalen Ausbeutungs­prozess widerstehen kann, der einem zum Objekt macht, zu einem kohärenten Menschen, zu einer produktiven und ange­messenen Person. Das ist alles kranke, ekelhafte Sklaverei, die Kunstwelt hat dagegen sehr viele Jahre gekämpft, ihren ganzen Charme und ihre Würde daraus bezogen. Es ist aufregend, dass man etwas tun kann, was Bedeutung hat, das Men­schen berührt, ohne das Leben eines Rockstars führen zu müssen und den Wünschen und Gefühlen der Menschen un­terworfen zu sein, an die man sich wendet. Man ist als Person immer noch Teil der Welt, und nur so kann man interessante Kunst machen. Wenn man nur herumreist, verliert man den Kontakt zur Welt der Menschen, die sich um die Kunstwelt nicht küm­mern. Daraus hat die Kunst immer schon ihre Inspiration bezogen, von den ersten Höhlenzeichnungen bis heute. Es ist klar, warum man als Künstler gegenüber der Realität einen radikalen Standpunkt haben muss, denn sonst ist das Ganze sinnlos.

Jeder Versuch radikal zu denken, wirkt immer wie ein Angriff auf jemanden.

Ich habe zum Beispiel gehört „Eure Arbeit verachtet den Sammler.“ Ich denke nicht einmal an den Sammler, wenn ich meine Arbeit mache! Ich meine, wer ist der Sammler? Unsere Arbeit handelt davon, dass wir alle in der wirklich problematischen Position sind, wo soziale Klas­ sen nicht mehr so wirkungsvoll sind, wo Ungleichheiten ext­ rem kompliziert sind, wo das Erbe der patriarchalen Gesell­schaft sogar die radikalsten Communities untergräbt. Wir sind in einer Situation, wo wir auf niemanden mit dem Finger zeigen können. Man muss über diese neue Einsamkeit tat­ sächlich nachdenken. Und ich dachte, das ist es, was wir tun, aber die Menschen fühlen sich dadurch irgendwie angegrif­fen. Es ist seltsam, dass es keine Community sondern Feind­seligkeit erzeugt.

Alexander Scrimgeour: Hat das damit zu tun, dass die Kunst­ welt so groß geworden ist und sich für ein geschlossenes System hält?

Rory Rowan: Wie Fulvia meinte, gibt es generell immer mehr Einsamkeit. Es wird von vielen Seiten großer Druck ausge­übt, gesellschaftliche Probleme zu in­dividualisieren. Die Probleme werden immer komplexer, aber es gibt diese Erwartung an den Einzelnen, sie auf sich zu nehmen. Innerhalb der kriti­schen Theorie, aber auch in der Poli­tik, beginnt man sich jetzt damit zu beschäftigen, wie man die krankmachenden Auswirkungen der Individualisierung re­sozialisieren könne, oder über Angst und Depression eher als soziales denn als individuellen Problem nachzudenken. Das ist im Kunstkontext eher schwierig, weil es immer diese starke Fixierung auf den Künstler als individuelle, heroische Figur gab. Wir alle ken­nen das Bild des hungerleidenden Künstlers. Hier könnten kollaborative Kunstpraktiken Hoffnung geben – auch wenn eigentlich viele Leute alleine arbeiten wollen, was total legi­tim ist und respektiert werden sollte. Oft sind es ganz persön­liche Beweggründe, ein Kunstwerk zu machen, und das darf nicht auf altmodisch romantische Art verstanden werden.

Fulvia Carnevale: Es ist klar, dass manche Menschen für Zu­sammenarbeit gemacht sind und andere nicht. Meine Erfah­rung mit Kollaboration ist auch sehr individuell, wie jede Er­fahrung. Auch theoretische Arbeit ist etwas sehr Persönliches, und ich glaube nicht, dass jeder Lehrende eine bestimme An­ zahl an Artikel jedes Jahr veröffentlichen sollte, weil das the­oretische Forschen viel Zeit braucht: manchmal vergehen Jahrzehnte und man rackert sich immer noch ab, liest, denkt, und versucht zu formulieren. Und eines Tages hat man plötz­lich die Erleuchtung und kann die Dinge in eine Form brin­gen. Die Verpflichtung zu produzieren übt große Gewalt aus.

Rory Rowan: Diese Verpflichtung produktiv zu sein erzeugt offenbar ängstliche Subjekte. In der akademischen Welt muss man immer etwas produzieren, aber oft hat man überhaupt keine Zeit um zu denken oder Dinge zu verarbeiten. Also produziert man Scheiße, und alle sagen, „Was macht der für eine Scheiße! (Lachen) Es gibt zu viele akademische Texte“. Es gibt zu viele akademische Texte. Es gibt auch zu viel Kunst. Ich will nicht sagen, dass das alles nicht existieren sollte, aber es zerstört was gezeigt wird, was produziert wird und die emotionale Verfassung der Menschen, die Dinge produzie­ren. Es gibt keine Phase von Erleichterung oder Befreiung, das führt zu Isolation und hindert uns daran, zusammen zu sein, vielleicht auf neue Weise.

 

FULVIA CARNEVALE gründete 2004 gemeinsam mit James Thornhill das Künstlerkollektiv Claire Fontaine. Ihre Arbeit lässt sich als fortlaufende Befragung der politischen Ohnmacht und Krise der Singularität beschreiben, die unsere heutige Gesellschaft bestimmt. Letzte Einzelausstellungen waren unter anderem „Happy for no reason“ bei Carl Kostyal in London, „Love is never enough“ bei Air de Paris, „Stop seeking approval“ bei Metro Pictures in New York (2015). Sie lebt in Paris.

RORY ROWAN hat eine Postdoc-Forschungsstelle am Institut für Politische Geografie der Universität Zürich, wo er zwischen den Bereichen Geografie, Politische Theorie, Philosophie und Environmental Humanities arbeitet. Mit Claudio Minca publizierte er 2015 „On Schmitt and Space“.

 

Dieser Text ist in der Printausgabe Spike Art Quarterly N° 46 erschienen und kann im Online-Shop bestellt werden.

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