Sprecht!

Ein Pamphlet für das Reden vor der Kunst
 "Eröffnung!" Foto: Christian Werner
 Schinkel Pavillon
 Am Handy, im Gespräch, angeschaut von einer Greer-Lankton-Figur @ Between Bridges 
 Foto: Maxime Ballesteros, der Bildreporter der Vernissage 

Heute herrscht die niveauloseste Meinungsüberproduktion? Alle faseln viel zu viel? Das ist falsch - es wird zu wenig geredet. Timo Feldhaus inspiziert die Geschichte der Vernissage und erklärt, wie gut es für das Kunstwerk wäre, wenn sich wieder ein Publikum vor ihm zusammen findet. 

 

 

Wir müssen reden. 

Es ist das frühe 21. Jahrhundert und die Show beginnt. Die Schlausten sind da, die Schönsten sind da, die Irrsten sind da, die Neulinge und die Mächtigen, und sie öden sich an. Sie stehen vor dem allerneuesten Output aktuellster Kunstproduktion und bleiben stumm.  

Fühlt Ihr sie auch, die Stille? Am frühen Abend, zur besten Zeit, zwischen 18 und 21 Uhr, als alles einmal möglich war.

Menschen stehen auf einer Vernissage, ein guter alter Brauch, dicht gedrängt unter hartem Licht ein Bierchen trinkend, und in ohrenbetäubend dröhnender Stille lösen sich alle Erwartungen an das Ereignis in Langeweile auf. Es bleibt nur die Asche Angst, die allergrößte Mutlosigkeit. Die Jungen haben Angst, weil die Alten die besseren Sachen schon erlebt haben, die Alten haben Angst, weil etwas Neues geschieht, dass sie womöglich nicht verstehen könnten. Den einen fällt es sehr schwer selbstständig Entscheidungen zu treffen, die anderen haben sich für alles bereits vor viel zu langer Zeit entschieden. Gemeinsam ist man müde, dass das performende Selbst benutzt wird von wem anders, wie Daten, um dann online zu gehen und am Ende gegen einen verwendet zu werden. Also stellt sich die Lage eben so dar, dass niemand hier Lust verspürt, überhaupt irgendwas (Witziges, Kritisches, Unkalkuliertes, Drübernachgedachtes) hinzusprechen, das dann floriert, das einem ab dem Moment nicht mehr alleine, sondern dem Raum, uns allen, dem Geflecht gehört. Man schaut also aufs Telefon. Was ja nichts Schlimmes ist. Das ist ja was Gutes! Denn aus dem Telefon kommt was raus. Der Mensch steht auf der Vernissage und schaut aufs Display, im Grunde, weil er wissen will, ob über die Situation, an der er gerade teilnimmt, schon was in seinem Telefon steht. Der denkt ja, das läuft sowieso, irgendwer wird was dazu tun, ich muss nicht, ich kann nicht, ich will nicht, der Stream, der läuft ja. Aber der Stream ist nicht schuld. 

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Es geht darum, die Zeit von sechs bis neun Uhr wieder als Produktionsprozess zu erkennen, als die andere, freiere Seite von Akademie, Institution und Markt. Bei Eintritt sei dir deiner Verantwortung bewusst. Und reiss mal wieder das Maul auf! Nach den folgenden etwa 13 min werdet ihr wieder Quasseln, ihr werdet rausgehen und reden.  

Die Vernissage entstand im 17. Jahrhundert, und sie entstand in Eile. Unter Ludwig XIV. veranstalteten die Mitglieder der Académie royale de peinture et de sculpture im April 1667 zunächst unregelmäßige öffentliche Präsentationen von Gemälden, Skulpturen und Druckgrafiken im Louvre. Ab den 1730er Jahren wurden diese Pariser Salons genannten Ausstellungen unter großem Publikumsandrang alle zwei Jahre abgehalten. Der Eintritt war frei, und die Besucher setzten sich aus breiten Teilen der Pariser Stadtbevölkerung zusammen. Die teilnehmenden Künstler hatten derweil Stress. Nicht immer reichte die Zeit bis zum letzten Pinselstrich, die just der Staffelei entrissene Malerei, kaum getrocknet, brauchte letzte Farbspritzer und vor allem: eine Schlusspolitur. Am Abend zwischen Aufbau und Eröffnung der Ausstellung begegneten sich die Teilnehmer bald regelmäßig, den Firnistopf vor der Leinwand schwenkend. Dieser transparente Anstrich bezeichnet zwar primär einen glänzenden Oberflächenschutz, verändert aber die Farben. Mit dem Akt wurde die Arbeit endgültig abgeschlossen, ein Weitermalen war hinterher faktisch unmöglich. Im Laufe der Zeit entstand die Gewohnheit, dieses Firnissen, das der förmlichen Ausstellungseröffnung voranging, mit einer Feier im Kreis von Freunden und Auftraggebern zu würdigen. Das Auftragen von Firnis ging nahtlos über in das Einschütten von Biernis. Es wurde, logischerweise, immer größer. Und lauter. Im 19. Jahrhundert etablierte sich der Salon als Mittelpunkt und Bühne des französischen Kunstbetriebs. 

In dieser Zeit entwickelte sich der Beruf des Kunstmalers zu einer attraktiven Profession mit überdurchschnittlichen Einkommenschancen. Und im Windschatten regelmäßiger Ausstellungen entfaltete sich auch die moderne Kunstkritik. Denis Diderot verfasste insgesamt acht Kritiken, Charles Baudelaire schrieb mehrmals über die Ausstellungen. Die letzte Kritik von 1859 brachte der Dichter fernab des wirklichen Geschehens im Hause seiner Mutter zu Papier. Sie basiert nur auf Erinnerungen und Aufzeichnungen eines kurzen Besuchs der Ausstellung. Die Salonschreiber entwickelten eine Form zwischen Analyse und Literatur, in der Gesprochenes mitgeschnitten und auch erfunden wurde, alte Männer und Kinder auftraten, und eine stumme Frau vor dem Anblick eines Bildes wieder zur Sprache fand. 

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Die Vernissage hat vieles vorweggenommen, was sich heute auf Facebook findet: die Lust am oberflächlichen Geschnatter, das Sehen und Gesehen-Werden, das Soziale eben direkt als soziales Netzwerk zu begreifen. Nun, wo sich der Mensch, in Reaktion verfangen, wieder nach echter Freundschaft sehnt und vom rahmensprengenden Digitalnetzwerk vielfach auch Unangenehmes ausgeht, gilt es diese spezifische Form des öffentlichen Beisammenseins neu zu grundieren - Verstecken, Zusammenrücken, Informationsdichte bei sich halten, Heißlaufen im Inneren. In diesem Augenblick, in dem sich herausstellt, wie das Verschwinden aller Versprechen der Bohème einhergeht mit dem Fortschritt totaler Konnektivität, gerät die Vernissage zu neuer Chance.

Die Zeichen der Zeit sind schon erkannt: Jerry Saltz fragt sich, warum die Kunstwelt so konservativ und vorhersehbar geworden ist. Texte zur Kunst erörtern in ihrer aktuellen Ausgabe, inwiefern „das Modell eines sich innerhalb eng gesteckter örtlicher und sozialer Grenzen abspielenden kulturellen Austauschs, wie man es in zahlreichen Underground-Szenen im vorigen Jahrhundert vorfand, in großen Teilen der Kunstwelt wie auch der breiteren Gesellschaft einer Akzeptanz des Mainstreams als Kanal legitimer Kulturproduktion weichen konnte“. In der Spike-Redaktion wird seit Wochen darüber diskutiert, einen neuen Bettelorden zu gründen, der die verloren gegangenen Paradiese zurück erobert. Das alles kulminiert im zum Nullraum verkommenen Eröffnungsabend, an dem, fast wie eine Reaktion auf die irrsinnige Markthitze der letzten Jahre, nur mehr runtergekocht wird.

Sei wieder ein Spieler, du Besucher! Und tut nicht so als wäret ihr alle gleich - du bist doch eine Galeristin, du bist eine Kritikerin, du sein Freund, du der Sohn der reichen Dame da, und du, du bist die Künstlerin!

Stärke dein Rollenprofil und lache darüber, sei keine corporate Öffentlichkeit. In der Sozialgeschichte der Vernissage spiegeln sich die Spitzen der Kunstgeschichte. Schau noch mal: Zur Eröffnung der Galerie Dada verschickten Hugo Ball und Tristan Tzara 1917 eine Einladung, die außer „Neuer Musik, Expressionistischen Tänzen, Literatur“ ein „Unterhaltungsprogramm“ versprach: „Puppentheater, Tombola, Sibyllinisches Kabinett“. In den 60er und 70er Jahren brachten Fluxus und Happening Schreierei und Prügelei, es ging von der politischen Aktionskunst bis zum Vernissagenblut des Orgien-Mysterien-Theaters. Man erfreute sich stets der neuesten Techniken der Skandalisierung und sah sich und seine Zeit darin flackern. All die Nackten, die Zarten, die Streitenden. Im Schein der Neonröhre trat eine der wichtigsten Erkenntnisse über Kunst überhaupt zutage: Dass es nämlich um die Arbeit im Raum gar nicht so sehr geht. Dass die Kunst unter Umständen viel größer ist. Und die Menschen, die ihr auf der Vernissage den Rücken zukehren, dass die sich nicht nur viel zu wichtig nehmen, sondern sogar wirklich wichtig sind. 

Der Ästhetiker und Aufklärer Jean-Baptiste Dubos beschrieb den Geschmack als "impression soudaine" oder "sentiment subit" – plötzliche, unerwartete Empfindung. Unvermittelt vor einem Kunstwerk hervorbrechend, zerstört sie den schrittweisen Gang der diskursiven Reflexion und wird zum Austragungsort für Gefühle. Der Geschmack sei kein Vermögen, das das Subjekt durch kultivierende Eingebung besitzt, der Geschmack ist Energie – Kraft, die sich von selbst äußert und unkontrollierbar im Subjekt auswirkt. 

„Alles andere, das ‚wer-mit-wem‘ und die Fragen über die Kunst und die guten und schlechten Unterhaltungen sind wie das Wildnis-Spielzeug. Einfach ein Bild an die Wand hängen und sagen, das ist Kunst, ist scheusslich. Das ganze Geflecht ist wichtig! Und auch das liebe ‚Essen-Gehen‘, von Mozzarella-Tomate bis Spaghettini. Irgendjemand muss die Suppe ja am Kochen halten“, wusste Kippenberger schon immer.

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Wir leben heute neue postpragmatische anämische Leben, doch schon in ganz naher Zukunft werden wir der Heiligkeit der Situation wieder gewahr werden. Wir werden erwachen - spitzt die Ohren, macht auf die Köpfe, öffnet die Münder. Hier, von 18 bis 21 Uhr, gibt es noch immer die Möglichkeit der Intimität in der Menge – gute Panik, Losreden, sich verhalten, sich falsch verhalten. Da die Menge der Vernissagebetrachter viele Augen, Gehirne und Herzen umfasst, wurde ihr Verschmelzen in frühen Salon-Besprechungen als thermodynamischer Vorgang beschrieben, bei dem eine völlig neue gemeinschaftliche Substanz entstand. Diderot vervielfältige sich selbst durch die Meinungen der multitude, um sich im performativen Eintauchen in die Menge als Kunstkritiker zu erfinden. Aus dem babylonischen Stimmengewirr der ungeordneten Menge entwickeln wir uns als das Publikum, das das Kunstwerk schlussendlich sozialfirnisst. Erst in der Rede über das Bild erscheint es in doppeltem Glanz. Das Schimmern des Sozialen, die Magie der multitude - eine Eröffnung ist immer auch eine Öffnung, dies gilt es erneut zu begreifen: reden, als zarter Oberflächenschutz und hinzugefügte Brillanz. Konservierend und fixierend, verleiht es dem darunter liegenden Werk befristet Bestand.