Städel of the Art?

Nicolaus Schafhausen und Philippe Pirotte sprechen über die ideale Kunstakademie
 Ein Künstleratelier, Frankfurt,  2015  Foto: Maurin Dietrich
 Philippe Pirotte
 Nicolaus Schafhausen Foto: Sabine Hauswirth

„Berufsbild Künstler: Die Zukunft der Akademie“ - was die Wiener Kunsthalle als Titel für einen Talk am vergangenen Donnerstagabend ausgab, klang nach Forderungskatalog, Manifest und großer Erkenntnis. Die Gesprächspartner, Kunsthallendirektor Nicolaus Schafhausen und Philippe Pirotte, früherer Direktor der Kunsthalle Bern und seit April 2014 Rektor der legendären Frankfurter Städelschule, sprechen über Herausforderungen und Chancen der heutigen Ausbildung an Kunstakademien. Unser Autor fragt sich, ob dabei nicht einiges verschwiegen wurde und wieso eigentlich im überholten System des Frontalunterrichts Zukunftsfähiges liegen soll. 

 

Man kann es vorweg nehmen: Explizit Allgemeines wurde nicht gesagt, geschweige denn postuliert, und auch die angekündigte Diskussion, in der Auffassungsunterschiede aufeinanderprallen, fand nicht statt. Wie denn auch. Nicolaus Schafhausen, wechselweise Wahlwiener wider Willen, schien in nostalgischer Grundstimmung und erinnerte mehrmals an seine eigene Zeit in Frankfurt und die dortige totale, schichtenübergreifende Kunstaffinität, die er mit der ausstrahlenden Unorthodoxie der Städelschule in Verbindung setzte.

Auf Grundlage dieser Euphorie geriet der Talk in weiterer Folge eher zu einer Werbe- oder Infoveranstaltung für die Frankfurter Institution, bei der Pirotte fakten- und anekdotenreich Einblick in deren strukturelle Besonderheiten und Vorzüge gab. Da war etwa zu hören, dass von 700 jährlichen Bewerbern 30 aufgenommen werden. Insgesamt kommen die etwa 10 Professoren auf rund 200 Studenten. Diese Überschaubarkeit garantiert die Möglichkeit zum permanenten, engen Austausch der Studierenden untereinander, aber auch und vor allem mit den Professoren. Zentral ist zudem die grundsätzlich freie Gestaltbarkeit des Lehrbetriebs und -alltags sowohl von Seiten der Lehrenden wie auch der Studierenden. Keine Doktrin, kein Bologna, keine Studiengebühren, wenig Bürokratie – vier Charakteristika, die Pirotte, der seine Rolle als Rektor mehr in der des zurückhaltenden und im Bedarfsfall korrigierenden oder ausgleichenden Beobachters als aktiven Gestalters zu sehen scheint, in die Zukunft retten und bewahren will. Ebenso wie den Portikus als von der Schule getragenen und von Studierenden mitbetreuten Ausstellungsraum, der aber als eigenständige Institution wahrgenommen wird/werden soll und durch die verpflichtende Beteiligung der gezeigten, meist internationalen Künstler am Unterricht eine weitere Ausbildungsdimension erschließt. Eine wichtige Neuerung wiederum war für Pirotte die Wiedereinführung von Gastprofessuren, um ein hohes Maß an inhaltlicher Diversität zu erhalten. Ideal klang das alles. 

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Und auch die Problempunkte des Systems Städel, das aufgrund seiner Homogenität und Exklusivität einerseits zu Klüngelei und zur Formierung undurchlässiger, starrer Netzwerke tendiert, andererseits die Herausbildung einer schillernden Marke begünstigt hat, die Noch-Studierende und Jungabsolventen frühzeitig mit kommerziellem Druck belastet und dem mächtigen Sog von Kunstmarktinteressen aussetzt, wurden selbstverständlich erkannt und blieben nicht unerwähnt. Erstaunlich aber war ihre Randerscheinungsqualität – gesprochen wurde darüber nur kurz oder implizit.

Genau in diesen Momenten hätte mindestens eine dritte Position gut getan, und man hätte mit den beiden Wiener Kunsthochschulen gar nicht groß in die Ferne schweifen müssen, um Vertreter eines anderen universitären Kunstausbildungsmodells zu Wort kommen zu lassen, die den Talk seinen angekündigten großen Inhalten und einer echten Diskussion wohl eher angenähert hätten. Aus Wiener Sicht erscheint insbesondere die strikte Ablehnung des Bologna-Prozesses in Frankfurt und die damit verbundene Angleichung der Kunstausbildung an konventionelle akademische Strukturen diskutabel, wenn man das vor einigen Jahren an der Akademie der bildenden Künste eingeführte PhD-in-Practice-Programm als Ausdruck einer gegenläufigen Entwicklung wertet. Neben einer Tendenz zur Akademisierung der Praxis scheint in Wien zuletzt aber auch, umgekehrt, die Praxisorientierung der Akademie zuzunehmen, die mitunter Problempotential birgt. Im von der Angewandten finanzierten und einigen ihrer Studenten seit 2014 betriebenen Kunstraum „wellwellwell“ wird ein Gastkurator für ein halbes Jahr eingeladen, der in Zusammenarbeit mit den Studenten Projekte entwickelt und – dem Primat des Experimentellen zum Trotz – an das professionelle Ausstellungsmachen heranführt. Ob die so frühzeitig erworbene Vertrautheit mit den geltenden Regeln des Betriebs die Studierenden eher zu systemkritischen Beobachtern oder karrieristischen Business-Profis macht, ist vielleicht eine interessante Frage. Auch würde es sich lohnen, weiter darüber nachzudenken, ob die in der Städelschule realisierte Begegnungszone zwischen Studierenden und Professoren, von denen die meisten ja wahre Szenegrößen, wenn nicht kanonische Figuren sind, und die unmittelbare Nähe zu diesen in die Absorption künstlerischer Eigenständigkeit umschlägt und in Epigonentum, zumindest aber in Uniformität mündet. 

In Wien jedenfalls, wo diese Nähe auch groß geschrieben wird, lässt sich eine regelrechte Typenbildung feststellen – der Richter-Student, der Zobernig-Schüler. Es ist dies der Effekt eines eigentlich sehr altmodischen Ansatzes, auf dem der im Schulwesen als längst überholt geltende Frontalunterricht basiert: Die Zentrierung auf eine Lehrpersönlichkeit mit Welterfahrung und Charakter, der die Studenten an den Lippen hängen, erinnert mehr an gestern als es an morgen denken lässt. Aber womöglich ist ja doch alles in Ordnung und auf einem guten Weg, folgt man den Gesprächspartnern an diesem Abend, oder etwa Heimo Zobernig. Der Künstler und die Akademien scheinen beide, sollte man seine Aussage in der diesjährigen Frühlingsausgabe dieses Magazins wirklich ernst nehmen, stramm und fidel in die richtige Richtung zu marschieren: „Künstler mit Umsicht, Weitsicht, Verlässlichkeit und stabilem Charakter sind das Modell der Gegenwart.“   

Maximilian Geymüller ist Autor und Kurator und lebt in Wien.