Summertime Happiness: Der L.A.-Artist Alex Israel

Interview
 Movie Star Maps, 2014 Detail aus einer raumgroßen Installation mit Wandmalerei, Los Feliz, California Foto: Michael Underwood
 Self Portrait, 2013 Billboard, Sunset Strip Photo: Michael Underwood
 Installationsansicht „Thirty" Almine Rech Gallery, Paris 2012 Foto: Zarko Vijatovic
 AS IT LAYS, 2012 Installationsansicht Le Consortium, Dijon 2013 Foto: Zarko Vijatovic
 Valet Parking, 2013 Wandmalerei Installationsansicht Le Consortium, Dijon 2013 Foto: Zarko Vijatovic
 Abbot Kinney Mural, 2012 Venice Beach, California Foto: Michael Underwood
 Installationsansicht Peres Projects Kreuzberg, Berlin 2011 „Flats" ohne Titel und geliehene Filmrequisiten Foto: Hans-Georg Gall

JON LEON: Also Alex, wirst du dir am Memorial-Day-Wochenende „Palo Alto” ansehen?

ALEX ISRAEL: Ich muss arbeitsmäßig nach New York und werde den Film an diesem Wochenende nicht sehen können, aber ich will ihn unbedingt anschauen. Ich habe gute Sachen gehört, auf Instagram gibt es auch viel Begeisterung für den Film. Ich liebe Dev Hynes’ Musik, er hat den Soundtrack von „Palo Alto” gemacht. Letztes Wochenende habe ich „Neighbors” und „Godzilla” gesehen. 

LEON: Ja, musikalisch hat mich Devonté Hynes in den letzten Jahren auch am meisten beeindruckt. Es ist so relaxed.

ISRAEL: Bei Hynes’ Musik geht es mir gut. Sie klingt wie ein alter Madonna-Song, den ich im Auto meiner Eltern am Weg zur Schule gehört haben könnte.

LEON: Wie oft hast du Zeit dich zu entspannen?

ISRAEL: Ich entspanne mich in der Nacht, wenn ich meinen digitalen Videorekorder einschalte und die letzten Folgen von „American Idol”, „Scandal”, „Nashville” und „Downton Abbey” nachhole. Ich entspanne, wenn ich im Flugzeug sitze und mein Telefon ausgeschaltet ist. Ich entspanne mich im Kino, im Fitnessstudio, auf einer Wochenend-Wanderung oder einer Fahrradfahrt und jeden Morgen, wenn ich einen kaltgepressten grünen Saft trinke und ein bisschen auf YouTube, Facebook und Instagram herumhänge, bevor ich zu arbeiten beginne.

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LEON: Du arbeitest ja an vielen Dingen gleichzeitig. Bist du nicht gerade erst aus China gekommen?

ISRAEL: Ich bin tatsächlich gerade aus China zurück. Ich war in Peking, um das Ullens Center for Contemporary Art zu besichtigen, wo ich im September eine Wandarbeit machen werde. Auf dem Trip konnte ich auch ein wenig relaxen. An mein Hotel war ein Einkaufszentrum angeschlossen mit einem großartigen Restaurant, es hieß „Element Fresh” und hatte grünen Saft und Salat mit gegrillter Hühnerbrust auf der Karte. Dort hing ich an einem Nachmittag rum, und sie spielten Lana Del Reys „Blue Jeans”. Ich fühlte mich sofort zuhause – wieder ein Gefühl von Wohlbefinden – und dieses Gefühl hilft immer auch ein bisschen dabei mich zu entspannen.

LEON: Es muss sehr cool und beruhigend sein, Lana Del Rey in einer Pekinger Mall zu hören. Der chinesische ist mittlerweile tatsächlich der größte Jeans-Markt der Welt, nachdem sie 2010 Japan überholt haben. Chinas Wachstum ist in allen Märkten riesig, auch der Kunst. Meinst du es ist möglich, die Popularität von Ländern kann sich so schnell verändern wie die Popularität von allem anderen, von Sängern, Bars, Künstlern, Computermodellen? Erinnerst du dich an die 80er Jahre, als Japan groß war? Dann platzte die Blase, als Resultat von dem, was gemeinhin als „die verlorene Dekade” gilt oder manchmal sogar als „die verlorenen zwei Dekaden”.

ISRAEL: „Ride”  erschien nach dem SNL-Zwischenfall, und ich kann mir vorstellen, dass das für sie persönlich eine sehr schwierige Zeit war. Besonders Lana Del Reys Popularität hatte viele Phasen – von ihrem plötzlichen Aufstieg, zu ihrem öffentlichen Fall nach ihrem wackeligen Saturday Night Life Debut, bis zur jüngsten phoenixartigen Wiederauferstehung aus der Asche. Sicher, Veränderungen der Popularität eines ganzen Landes sind real – das haben wir schon oft erlebt. Japan natürlich, aber auch Tschechien, Deutschland, und nun höre ich immer wieder, dass Leute nach Portugal gehen. Manche dieser Veränderungen habe ich dramatischer als andere empfunden. Als ich in den 80ern in LA aufwuchs, habe ich definitiv die große Popularität von Japan bemerkt, vor allem an den massiven Immobilienentwicklungen, die sich aus japanischen Investitionen ergaben, und dann platzte die Blase. Ich erinnere mich wie ich als Kind in Hawaii war und mit japanischen Kindern am Strand herumhing. Als ich vor ein paar Jahren noch einmal dort war, standen all die Hotels, die damals voller japanischer Touristen waren, leer.

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LEON: Wenn wir schon bei Lana Del Rey sind: In „Ride” singt sie die Zeile: „I believe in the country America used to be.” Wie interpretierst du so ein Statement? 

ISRAEL: Lana ist ein Kind der Mittachtziger, ich frage mich, nach welchem Amerika sie sich sehnt. Das ihrer Kindheit, also das früheste, an das sie sich erinnern kann? Ich weiß gar nicht, ob sich ihres von dem heutigen überhaupt so sehr unterscheidet. Ich höre ihre Musik recht häufig und schaue auch ihre Videos sehr gerne. In ihren Songs bezieht sie sich auf eine Zeit, in der sie nicht lebte, das Amerika von Marilyn und Elvis, für die sie offenbar Nostalgie empfindet. Darüber habe ich letzte Nacht auch mit John Kelsey gesprochen, der an dieser Stelle einen Unterschied zwischen Nostalgie und Fantasie macht, dem ich mich anschließen würde. Lana kann nicht wirklich nostalgisch für die 50er sein, eher schon hat sie eine Art fantasierte Nostalgie für eine amerikanische Vergangenheit konstruiert, die sie nie gekannt hat. Das ist ihre Vision.

LEON: Richtig, Fantasie ist wie Nostalgie nach Nostalgie. Ich frage mich, ob das repräsentativ ist für die Art, wie viele von uns kulturelle Phänomene, kreative Produkte und Kunst grundsätzlich erfahren. Mir ist schon oft aufgefallen, wie sehr das sich entwickelnde Gefühl einer Inspiration dem einer aufsteigenden Nostalgie gleicht. Das scheint mir auch stark mit dem verwandt, was Menschen fühlen, wenn sie die Erfahrung von Verlust machen – Trauer, aber auch eine überwältigende Empfindung von Freiheit, Erleichterung und Unmittelbarkeit. Sowohl Chris Isaaks „Wicked Game” als auch The Weeknds „Wicked Games” bestehen aus dieser bittersüßen Kreuzung, die sich aus dem Moment ergibt, wenn wir etwas an uns vorbeiziehen sehen. Und ich frage mich, ob diese Art des Hyper-Bewusstseins für diesen flüchtigen Moment, das ist, was wir Nostalgie nennen, und ob es das ist, was Künstler näher zu der Erkenntnis bringt, dass die Konsequenz jeden Moments der nächste Moment ist. Um also jemals etwas wirklich Aktuelles zu schaffen, bedeutet es völlig im Jetzt zu versinken – Zeit fernzuhalten, zeitlose Arbeiten zu machen, indem man Nostalgie nutzt um der Nostalgie standzuhalten. Wenn das stimmt, dann sind Trends das Gegenteil von dem, was man üblicherweise unter ihnen versteht. Sie können nicht wirklich aus einem Jetzt sein, weil Trends nicht aus diesem seltsamen Konflikt mit dem Jetzt entstehen. Sie haben keine Gravitas oder historischen Kontext, und werden außerhalb dieses sehr speziellen Ringens mit der Dauer erfahren. Nur große Arbeiten können den Moment treffend repräsentieren.

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ISRAEL: Ja, und Trends ziehen ihren Nutzen aus diesen großen Arbeiten – wo auch immer sie produziert werden und welche Form sie auch annehmen. Trends sind die Transformation dieser großen Formen zu Hüllen: Sie nehmen ihnen das Gewicht und behalten nur die Oberfläche. Sie sind leichter und mobiler, heute hier, morgen fort. Und dann gibt es Stil. Stil ist ein Puls, der den Fluss der kulturellen Strömungen aufzeichnet, indem er große Kunst erkennt und auf ihren Herzschlag reagiert. Guter Stil lässt Trends im Windschatten hinter sich herlaufen, im Mainstream. Das Großartige am Stil ist, dass er zu improvisieren weiß. Gibt es irgendwann keinen Große-Kunst-Pulsschlag, auf den er reagieren könnte, transzendiert er sich selbst und schafft sich neu.

LEON: Oh ja, manchmal ist Stil der einzig mögliche Weg, und könnte großer Kunst vielleicht sogar vorzuziehen sein, wegen seiner Detailtreue und der verblüffenden Fähigkeit, diese Details zu einer gänzlich neuen Sache zu machen. Diese Genauigkeit und Klarheit macht Stilisierung total verlockend. Stile versuchen nicht etwas anderes zu sein als sie sind, und das ist genau die Qualität, die sie so phänomenal, so echt, macht. Stichwort Stil, deine Brillenfirma Freeway Eyewear hat gerade mit Barbara Kruger zusammengearbeitet. Wer kommt als nächstes?

ISRAEL: Wir arbeiten gerade zum dritten Mal mit einem unglaublich tollen Künstler zusammen, aber es ist noch nicht offiziell – alles noch top secret. Die Sonnenbrillen werden zur Ferienzeit fertig sein.

LEON: Und wie findest du Brillenbänder?

ISRAEL: Brillenbänder sind großartig! Ich habe welche … irgendwo.

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LEON: Ich habe in letzter Zeit nicht viel Kunst gesehen, weil ich in North Carolina war und mich auf Design und Dinge um mich herum konzentriert habe, die ich fühlen, berühren und besitzen kann. Ich weiß, dass Schauen für viele Leute bedeutet auf den Bildschirm oder ein Sekundärmedium wie Fotos im Netz oder in einem Magazin zu sehen. Mich würde interessieren, was für dich der Unterschied zwischen einem Kunstwerk und der Fotografie eines Kunstwerks ist. Wird die Fotografie deiner Meinung nach zu einer eigenständigen Arbeit? Nicht alle, die ein Kunstwerk sehen wollen, sehen es tatsächlich, was sehen sie also? Was „liken" sie? Mögen wir am Ende einfach alle Fotografie, weil es unseren Sehgewohnheiten entspricht? Und wie trägt es dann zur Entwicklung eines Stils als etwas Schöpferischem bei, und auch zur Entwicklung des Geschmacks als „Betrachter"? Kann man einen authentischen, wahren Geschmack ohne die Taktilität der Erfahrung entwickeln?

ISRAEL: Wir erleben unseren Alltag heute sowohl physisch wie virtuell. Genauso soll auch ein Teil meiner Kunst virtuell, über den Bildschirm des Computers und das Internet, erfahrbar sein. Und ich mache Sachen, die Textur und Volumen haben, sich mit dem Verhältnis von Raum, Größen, Maßstäben und dem menschlichen Körper beschäftigen – bei der Entwicklung dieser Arbeiten denke ich den Galeriebesucher mit. Ich mache meine Objekte oft gemeinsam mit Kulissenbauern von Warner Brothers, Genreüberschreitung war immer schon Teil von dem, was ich tue. Bühnenbilder aus Hollywood sind dafür da, durch Kameralinsen betrachtet zu werden, sie werden erst dadurch zum Leben erweckt. Hollywood-Requisiten, die ich oft in meiner Arbeit verwende, sind auch dafür gemacht, durch eine Linse gesehen zu werden. Auf der anderen Seite, mein Selbstporträt- Logo etwa entstand als eine Computergrafik. Erst später habe ich herausgefunden, wie ich es als dreidimensionales Objekt ausführen könnte, nämlich mit Airbrush auf ein Fiberglass Panel gemalt. Es hat sich aus der virtuellen in die physische Welt ausgedehnt. Ich glaube, der Übergang zwischen diesen beiden existierenden Bereichen ist flüssig, und dass sich eine künstlerische Praxis dazwischen bewegen kann. Ich persönlich bevorzuge keinen der Bereiche – ich versuche einfach die bestmögliche Plattform zu benutzen um eine Idee auszudrücken. Für mich ist es kein Widerspruch, wenn meine Arbeit zwischen beiden oszilliert. Wenn ich einen Stil entwickelt habe, dann ohne Zweifel einen, der dieses Zwei-Welten-System als gegeben akzeptiert hat. Aber eine andere Frage: Ist es überhaupt möglich, einen authentischen, wahren Geschmack ohne Wi-Fi auszubilden?

LEON: Touché.

Aus dem Amerikanischen von Timo Feldhaus

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JON LEON ist Innenarchitekt und Autor. Er lebt in North Carolina.
 
ALEX ISRAEL geboren 1982 in Los Angeles. Lebt in Los Angeles. Ausstellungen: Gagosian Gallery, Rom (mit Kathryn Andrews) (2014); Oracular / Vernacular, MAMO, Marseille; Le Consortium, Dijon (solo); Carl Kostyál, Stockholm (solo); Self-Portraits, Peres Projects, Berlin (solo) (2013); Hammer Museum’s Venice Beach Biennial, L.A.; As it LAys, MOCA, L.A. / Reena Spaulings, New York / Utah Museum of Contemporary Art, Salt Lake City (solo); Lens, LAXART, L.A. (solo); Thirty, Almine Rech Gallery, Paris (solo) (2012).

Vertreten von Gavin Brown's enterprise, New York; Almine Rech Gallery, Paris; Peres Projects, Berlin; Reena Spaulings Fine Art, New York