Tino Sehgal vs. René Pollesch

Mit wem wollen wir gehen?
 „Keiner findet sich schön“, Volksbühne; © LSD/ Lenore Blievernicht; Bühne : Bert Neumann, Kostüm: Tabea Braun
 Christian Werner, fotografiert mit dem iPhone 6
 „Keiner findet sich schön“, Volksbühne, © LSD/ Lenore Blievernicht; Bühne : Bert Neumann, Kostüm: Tabea Braun

Vor der Sommerpause konzentrierte sich das nach Erlebnissen gierende Berliner Theaterpublikum auf zwei Ereignisse: Tino Sehgals „This Progress“ und das neue Stück von René Pollesch. Wir haben beide ausprobiert, mit überraschendem Ausgang

Volksbühne, Sonne scheint, letzte Aufführung vor dem Sommerloch, die Leute stehen draußen herum und warten. Auf passiv zu ertragendes pseudoradikales Regietheater und Bevormundung. Sie werden Fabian Hinrichs in René Polleschs neuestem Einmann-Stück „Keiner findet sich schön" und ihre gesammelten Sehnsüchte und alltäglichen Albernheiten dort auf den Bühnenboden krachen sehen. Es beginnt, wenn meine Karte abgerissen und die Tür von außen geschlossen wird.

Aber zuerst zurück. Drei Tage zuvor, Foreign Affairs Performance-Festival, ebenfalls die letzte Aufführung von Tino Sehgals „This Progress". Weil Sehgal gleichzeitig und auch noch bis August den Martin-Gropius-Bau bespielt, steht er eh gerade hoch im Berliner Kurs. Die Anstehenden hier warten auf: radikale Institutionskritik und Aktivierung.

In dem Moment, in dem ich das Ticket in die Hand gedrückt bekomme, erscheint hinter dem Tresen ein kleines, vielleicht neun Jahre altes Mädchen, das einen sehr bestimmt in den Raum hineinzieht, sie fragt mich: Was ist Fortschritt? Man erzählt etwas, wird weitergereicht, ein anderes Mädchen führt einen durch den Außenbereich und auf die Straße. Warum ich eben Veränderung und nicht Verbesserung gesagt hätte, fragt sie. Weil einfach zu viele unnütze Dinge erfunden würden, sage ich, für die unser Bedürfnis erst in dem Moment geweckt werde, in dem sie existierten. Ich sage, im Mittelalter sei man auch nicht unglücklicher gewesen, und sie sagt: Krankenwagen. Auf einmal tritt ein Mann hinter einem Baum hervor, zieht einen weiter, die Straße längs des Festivalgeländes entlang, immer im selben Abstand zwischen den Performern vor und hinter uns, streng eingetaktet.

Wir schreiten voran und reden über Fortschritt, bloß nicht stehenbleiben. Was würde wohl passieren, wenn man nun etwas Unerwartetes, Ungeplantes tut? Man fühlt sich als Teil von etwas, Teil einer Situation, und wenn schon nicht von Geschichte, dann doch zumindest von Kunstgeschichte.

Am Schluss steht man wieder am Eingang, programmatisch ging es einmal außen um das Theater, und der Rekapitulationsprozess beginnt. Man blickt zurück und sieht schon die Nächsten kommen, sieht die bereits verblassenden Sprachfetzen und sich selbst. Ein Stück Vergangenheit, das man selbst ein bisschen mitgeschrieben hat. Ein Ereignis hat stattgefunden, das nicht dokumentiert werden durfte, und in einer Zeit, in der Echtheit nur mehr empfunden wird, wenn man im Nachhinein zum Zweck der Selbstvermarktung Bilder davon hochladen kann, könnte man das fast spektakulär nennen. Eine Begegnung wurde hier inszeniert, und trotz kleiner Zweifel an dieser forcierten Authentizität, die in solchen Performance-Aktionen selbst liegt, lässt sich doch das Gefühl nicht leugnen, dass man kurz aus der Entfremdungsmaschinerie ausbrechen konnte.

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Eins zu Eins ist wieder da, jedenfalls eine große kulturelle Sehnsucht danach. Schließlich wird dieser Tage allerorten, besonders im Theater, ein neuer Realismus propagiert, der, wie Schaubühnendramaturg Bernd Stegemann in seinem neuen Buch „Lob des Realismus“ schreibt, „aus dem zähen Nebel des Relativismus und der Kontingenz“ herausführen soll.

Jetzt also wieder vor zu Pollesch, in dessen Stück die großgewachsene, dünne, weiße, männliche Hauptfigur genau in diesem Nebel umherirrt. Fabian Hinrichs verbringt einen Abend im Möglichkeitssinn: zum Iggy Pop-Konzert oder RoboCop gucken oder sich auf Tinder verabreden? Zum Iggy Pop-Konzert oder RoboCop gucken oder sich auf Tinder verabreden? Zum Iggy Pop-Konzert oder RoboCop gucken oder sich auf Tinder verabreden? Von dieser Ausgangsfrage aus entdröselt sich ein Geflecht aus Was-wäre-wenn-Fäden. Einsam und doch hyperpräsent steht er da, der kleine Mensch auf der großen Amerikaflagge, wechselt zwischen komischen Einlagen und Slogans hin und her und entwickelt eine Körperdynamik, die viele hier auf ihren Sitzen sehr mitreißt: „Ich werde verrückt! Ich finde es so schwierig zu leben.“ Rat- und rastlos tigert er quer über die Bühne und weiß:

„Ich brauche die ganzen Stränge nicht, ich brauche nur den einen Strang.“

Was bei Sehgal der Fortschritt war, ist bei Pollesch der Seitschritt, den er seine Figur unablässig in diesem „Gesamtalptraum“ vollführen lässt. Nach vorne, wieder zurück, zur Seite, wieder nach vorne. Hier kommt einer auf ganz fantastische Art keinen Schritt nach vorne. Wenn Hinrichs sich in dieser Feier des Zweifels für eine Stunde so unglaublich komisch selbst im Weg steht, fühlt sich das Berliner Publikum in seiner ewig währenden Midlife Crisis aufgespießt und genießt den kleinen wunderbaren Schmerz. Die Leute lachen viel und hemmungslos und heben sich den Rededrang auf, füllen sich quasi auf, um danach, kaum aus dem Saal raus, loszulegen, die aufgestaute Energie vom Leib und der Leine zu lassen.

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Diskrepanz, denke ich. Ist nicht das Versprechen derjenigen, die sich aus den starren Strukturen der Theaterhäuser auf die Freiheit der Straße begeben, den Zuschauer zum Akteur, zum mündigen Subjekt zu machen? Eine Theateraufklärung, die mich frei entscheiden und handeln lässt? Es geht Sehgal gegen die Institution, gegen die Autorität der Bühnenumstände, und der Verdienst der Performance-Kunst ist, dass sie die Welt als Schauplatz neu ins Spiel gebracht hat. Hat am Ende der Rahmen, in den einen „This Progress“ zwängt, nicht auch etwas Bevormundendes, Autoritäres, das die eigentlich symbiotische Beziehung zwischen Gehen und Denken erdrückt?

Das Verhältnis zwischen Bühne und Zuschauerraum ist ein klar abgegrenzter Ort, der gerade aus seiner Abgrenzung sein Potenzial schöpft – Zauberort für eine Stunde, der einem das Leben kunstvoll vor die Füße kotzt, statt uns sich einzuverleiben. Statt einem unmittelbaren Individualerlebnis zwischen zwei Laien, die sich was erzählen, wird einem hier ein altehrwürdiges Publikumserlebnis durch aufwändige Sprach- und Theaterhandwerkskunst geboten. Statt einer Begegnung mit einem Menschen innerhalb einer Kunstaktion, findet man sich hier mit sehr vielen Menschen gegenüber der Kunst, und merkt – man muss gar nicht selbst zu ihr werden.

Denn doch, oder gerade deshalb: Bei aller Einsamkeit, Kontingenz und Sinnlosigkeit, die einem hier in der Volksbühne gerade vor Augen geführt wurde, geht man mit einem Gemeinschaftsgefühl hinaus. Euphorisch aus dem Saal, die Stufen hinunter und auf die Straße. Mich von der Volksbühne wegbewegend, sitzt das Hinrichs-Geschrei noch im Ohr: „Ich möchte nicht meinen Weg gehen, ich möchte auch nicht unseren Weg gehen. Ich möchte deinen Weg gehen!“