Venedig Biennale: Geisterbahn durch die Arsenale

 Adel Abdessemedin
 Adel Abdessemedin
 Chris Ofili
 Chris Ofili
 Lili Reynaud-Dewar
 Prasad Shetty u nd Rupali Gupte
 Helen Marten
 Prasad Shetty u nd Rupali Gupte
 Ernesto Ballesteros
 Harun Farocki
 Fomo Forza 

Die Arsenale machen gleich schon wieder zu. Auch in Venedig muss man ja immer andere Sachen machen. Ankommen, Apartments wechseln, irgendwo ein lavafarbenes Spritz-Getränk nehmen, in Klischees versickern. Die Nachrichten des Tages kriegt man aber auch nebenbei mit: Die Biennale ist 120 Jahre alt, Hoffnung gibt es keine mehr. 

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In den Arsenalen zeigt Okwui Enwezor eine extrem dicht kuratierte Riesenausstellung, die kaum präzise überschrieben ist („All the world’s futures“). Und sich mit jedem Schritt noch weiter auszudehnen scheint, in alle möglichen Richtungen. Um den „Einbruch des Realen“ soll es hier gehen. 

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Wir laufen, laufen schnell. Der Beginn ist dramatisch und düster. Ein großer schwarzer Raum des Algeriers Adel Abdessemed, in dem Schwerter zu Skulpturen zusammengeschnürt sind, an den Wänden Pop-Art Leuchtschriften, die brachial Zukunftswörter schreien: „Human, Pain, Nature, Death, Matter“. Später Monica Bonvicini, schockschwarze Öl-Motorsägen von der Decke, später ein Gang mit Waffenbildern, überhaupt viel: Waffen. Aufgebrochen wird es von dem opulenten, wunderschönen Raum mit vier Bildern des Malers Chris Ofili. Ein ähnliches Ensemble kehrt wieder von Georg Baselitz, der komischerweise in diesem Kontext funktioniert.

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Man ist ja blöd, und deswegen schaut man im Akt der Überforderung dann auch die Sachen an, die bekannt, aber hier neu sind: Die ausladende Präsentation von Lili Reynaud-Dewar, die wunderbar hergerichtete Arbeit von Helen Marten, die melancholischen Schönheiten von Thea Djordjadze, die bei keiner europäischen Großausstellung fehlen dürfen und aber auch die noch nie gesehenen Überraschungen von Prasad Shetty und Rupali Gupte. Oder Ernesto Ballesteros, der live kleine Flugobjekte baut und sie in begrenztem Raum durchs dunkle Oben gleiten lässt. 

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Auf dem Weg treffen wir Ursula Krinzinger. Etwas, das sie komplett umhaut, hat sie noch nicht gesehen. Es geht ihr wie uns. „Man muss das noch sacken lassen.“ Es ist ja nicht nur: Wie soll man das ALLES anschauen, vor allem auch, WIE soll man das alles anschauen? In der Hauptausstellung zeigen allein 136 Künstler aus 53 Ländern mehr als 700 Werke. Viele, viele Filme gibt es zu sehen. Und es bleibt einem eben nichts übrig als an ihnen vorbeizuschauen, ihnen einen Augenaufschlag oder zwei zu widmen und weiterzurennen. Symptomatisch der Raum, in dem Harun Farocki gezeigt wird. Auf unzähligen kleinen Screens, die nebeneinander stehen, werden alle seine Filme gleichzeitig gezeigt, ohne Ton. Auf einigen Screens schwarzes Krisseln, sie zeigen an, dass ein Film verschwunden oder noch nicht digitalisiert ist. Alle Filme werden tatsächlich durch die Förderung des Goethe Instituts digitalisiert. Die Präsentation hat zwar ein bisschen was von dem kühlen, sachlichen Blick des verstorbenen Filmemachers, aber es führt doch zu nichts. Seine Notizbücher und Ausgaben des Magazins „Filmkritik“ sind in einer Vitrine in der Mitte des Raumes untergebracht. Man kann ihre Cover anschauen. Aber warum? Im Hinterraum wird dann täglich ein anderer Film gezeigt, in groß, mit Ton. 

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Digitalisierung im Produktionsprozess, überhaupt Produktionsprozesse. Große Frage: Wie funktioniert das? In dem einstündigen, mehrschichtigen Dokumentarfilm „Factory Complex“ geht Heung-Soon Im den Arbeitsbedingungen in riesigen Supermärkten nach. Ich habe ihn nicht zu Ende gesehen. Bei Mika Rottenberg sitzt eine Dame auch in einer Art Fabrik, in der sie durch Asiaten, die im Stockwerk über ihr Blütenduft erzeugen, immer wieder zum Hatschi gezwungen wird, welches jeweils ein Pasta-Gericht auf einer Pappschale hervorzaubert. Ihre Nase wird dabei immer länger, wie bei Pinocchio. Es ist traurig, und es ist lustig. 

Viel zu viel, und die große Gegenwartsfrage: Wieso denn um Himmels Willen jetzt, jetzt gerade der (Kunst-)Welt zeigen, wie düster und hoffnungslos komplex und schwierig die Welt selbst ist? Im Modus der Überforderung, ohne Orientierung anzubieten. Dass alles zu viel ist, dass ich nichts zu Ende schauen kann, dass ich ständig Angst habe, das Wesentliche zu verpassen. Nach den Glimpses doch ein Grundeindruck der Arsenale: Traurigkeit, Tiefe, Probleme und Geisterhaftes. 

Es kann in so einem Text nicht darum gehen, souverän zu sprechen. Das ist eine riesige, böse Augenwischerei der Kollegen, die nach einem Gang, nach zwei Tagen, irgendwas Festes, Klares, annähernd Abschließendes hinschreiben. Man muss das Hinschreiben, was man noch nicht gesehen hat, woran man vorbeigelaufen ist, wovon die Freunde freudvoll berichten, was man darum dann unbedingt noch sehen will: John Akomfrah, Chantal Akerman, Theaster Gates und vor allem den Film von Steve McQueen, der in den Erzählungen am häufigsten vorkommt. Dann kann man wieder loslaufen, jetzt, unabgeschlossen und wide open

Gestern, mitten in der Nacht stehen wir am Pier, auf der Insel gegenüber findet ein Open-Air-Rave vom Berghain statt, direkt vor uns steht die Yacht der Sammler Zabludowicz. Sie laufen dort auf Socken über die Gänge und schreien. Der Bootsherr macht am Telefon Waffengeschäfte mit Israel. In diesem Moment bekomme ich eine Email von Hillary Clinton: „Friend -- When we talk about immigration reform, we can't forget who this debate is about: people who work hard, love this country, and dream of nothing more than building a future here for themselves and their families.“ 

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Wir gehen die Straßen entlang, die niemals gerade sind. Der Stadtplan in der Hand, Google Maps auf dem Display, die ausgestreckten Arme der Eisverkäufer: Sie alle zeigen gerade Linien an. Es gibt sie hier nicht, in dieser Löwen- und Taubenstadt, in der wunderschönsten und verrottetsten, surrealistischsten Stadt der Welt ist alles krumm, geht es immer um die Ecke, in Winkeln, von Wind und Geräusch abgeschlossenen. Forza FOMO! Wir machen weiter, jetzt kommen die Pavillons.