Welche Rolle spielen die 1% für die Kunst?

Wenn man sagt, dass die Reichen und Mächtigen die Kunst beherrschen, spricht man das Offensichtlichste aus. In gewisser Weise ist es nichts anderes als eine Variation der alten marxistischen Formel, dass „die Gedanken der herrschenden Klasse in jeder Epoche die herrschenden Gedanken sind“. Das traf auf das Zeitalter zu, als die Medici und Päpste einflussreiche Mäzene waren. Es traf auf das Zeitalter der absoluten Monarchen und auf das Zeitalter der Robber Barons zu. Und auf andere Art auch auf den Ostblock und die Sowjetunion, wo die Verwaltung der Kultur in den Händen der Bürokraten und Apparatschiks lag.

Es passt auch auf das Bild der Vereinigten Staaten um 1939, als Clement Greenberg von der „goldenen Nabelschnur“ zwischen der Avantgarde und der herrschenden Klasse schrieb. Und es traf auch ein halbes Jahrhundert später noch zu, als ein angewiderter David Hammons seinen ersten Eindruck der New Yorker Kunstszene so beschrieb: „Jeder war kriecherisch und servil, man tat alles, um mit jemandem im selben Raum zu sein, der ein bisschen Geld hat.“ Es gehört zum ewigen Drama des Künstlerlebens, mit dieser Realität umgehen zu müssen. Doch in den letzten Jahren hat sich ein neues Level oligarchischer Herrschaft über die Kunst etabliert. Welche charakteristischen zeitgenössischen Formen nimmt diese Herrschaft an? Ich möchte zwei davon ansprechen. 

Erstens: Die typischen Käufer des jüngsten Kunstbooms sind die frischgebackenen New-Economy-Milliardäre und Hedge-Fond-Mogule, beides Produkte der neoliberalen Globalisierung. In anderen Worten: Die Gegenwart prägt nicht nur die Menge an Geld, das für Kunst ausgegeben wird, sondern die Menge an Neureichen, hungrig nach Credibility und den Beziehungen, die Kunst verschafft, aber ohne Bewusstsein für ihre Traditionen. Heute, wo das Zeitgenössische zweifellos das Klassische ablöst, wirkt das alte Modell der Künstlerkarriere – der langsame Prozess, durch viele Stile zu gehen bis schlussendlich der eigene gefunden wird, wie wir es von Piet Mondrian bis Miriam Schapiro kennen – obsolet.

 

In einer Zeit, in der die Pop-Up-Spiel- plätze der Kunstmessen die Museen als Zentren der Aufmerksamkeit ersetzen, wird die Kombination aus Neuheitswahn und gebrandeter Vorhersehbarkeit zum Standard. 

 

Zweitens: Zunehmende Ungleichheit bedeutet, dass der Markt für seltene Luxuswaren explodiert, während die Investitionen in den öffentlichen Sektor stagnieren. Kunstwerke sind solche Unikate, Immobilien auch. Diese Verbindung nimmt ihren Lauf, und postindustrielle Städte kämpfen um das Geld der Touristen, die New-Economy-Coolness und die Gunst der ultramobilen Superreichen. Richard Florida gab in seinem berühmt-berüchtigten Gentrifzierungsklassiker, „The Rise of the Creative Class“ (2002) Städten den Rat, sich als „kreativ“ zu branden, dann würde Wohlstand folgen. Die nettere Seite davon: Öffent- liche Gelder werden für Creative Placemaking und für als urbane Revitalisierungswerkzeuge verkaufte Museumserweiterungen eingesetzt. „Kreativität“ ersetzt jede Form von sinnvoller Stadtpolitik. Die weniger nette Seite zeigt sich in Luxusimmobilien und Freizeitressorts mit schicker Kunstausstattung. Kunst wird hier für das ständige Ansteigen der Mieten dieser begehrten, einzigartigen Standorte instrumentalisiert.

Die Kunst am Leben zu halten, indem man sie den Lifestyle-Entwürfen der 1% beifügt, ist ein Pakt mit dem Teufel, der zu einem immer offensichtlicheren Paradox führt: Wo auch immer es Kunst gibt, können die Künstler sich das Leben nicht leisten – außer es gelingt ihnen, auch zu den 1% zu gehören. 

Aus dem Amerikanischen von Roland Bartl.

 

BEN DAVIS ist Kunstkritiker für artnet News und Autor von "9.5 Theses on Art and Class" (2013). Er lebt in New York.

Dieser Text ist in der Printausgabe Spike Art Quarterly #48 erschienen und kann im Online-Shop bestellt werden.