Wer tötet Larry Page?

Über den Film „Ex Machina"

„Ex Machina" beschreibt den Aufbruch in die Robotergesellschaft. Aber warum interessieren wir uns gerade heute für die Ideen und Produkte von Menschenabschaffern und Maschinenanbetern?

Die Frage ist nicht, ob es passiert, sondern wann. Film aus, Angst an.

Am Ende: Trommelt der Hauptdarsteller von innen heulend gegen die fest verschlossene Tür, während der Roboter zum ersten Mal durch die Natur streift, weg vom Haus, hin zur Welt, das von Echthaut überzogene Technoskelett streicht dabei sachte durch hüfthohe Gräser wie in einem Terrence Malick Film. Es ist ein Anfang. 

Der Mann - diese lächerliche Figur, dessen Selbstvertrauen in den letzten 50 Jahren wie das keines anderen Lebewesens auf diesem Planeten zertrümmert wurde - er wird auch hier, verliebt in ein Betriebssystem wie in dem Film Her, am Ende abserviert. Mann, das bedeutet in jedem intelligent auf das Jetzt anspielenden Film fast immer auch: Loser. Er hat zwar im letzten Jahrhundert gelernt seine Gefühle zu zeigen, aber diese verlaufen eben nur noch zwischen Selbstmitleid und Niederlage. Niemand braucht mehr einen Mann, und, auch das ja keine echte Neuigkeit, niemand braucht mehr einen Menschen. 

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Bei „Ex Machina" handelt es sich um ein klaustrophobisches Kammerspiel in der nahen, leicht spekulativen Zukunft, in der ein Multimilliardär (Nathan), der eine Suchmaschine programmiert hat, von der urbanen Zivilisation weitgehend abgeschottet in einem Haus in den Bergen wohnt, Gewichte hebt, und an Künstlicher Intelligenz (KI) forscht. Sein Mitarbeiter (Caleb) ist ausgewählt den Turing-Test zu machen, zu beweisen also, dass Nathans KI (Ava) ein dem Menschen gleichwertiges Denkvermögen besitzt. 

Nun ist dieser Film nicht deswegen so beeindruckend, weil er die Mensch-Maschinen-Geschichte nach „R.U.R. – Rossum's Universal Robots“ (1921), „Metropolis“ (1927) oder „Terminator“ (1984) noch einmal neu erzählt. Dass die erste neue Intelligenz aussehen soll wie ein Topmodel ist ja Unsinn, selbst in den Forschungen zu KI ist der Mensch längst nicht mehr das Maß aller Dinge. Heute weiß man, Computer spielen ganz anders Schach als Menschen, vor allem aber spielen sie besser. Interessanter ist doch, je sanfter und gleichzeitig umfassender sich die Technik in unseren Alltag schiebt, desto langsamer und ruhiger werden die Sci-Fi Filme. Auf Mad Max trifft das zwar nicht zu, doch auch dieser Film gibt ein Beispiel für jenen neuen Heldentypus (Loser-Mann), der kaum ohne sein weibliches Pendant Furiosa auskommt. Und „Ex Machina" erzählt auf der alten Folie der Mensch-Maschinen-Geschichte eigentlich etwas über Tech-Paranoia. 

Der Film macht keine Angst vor Maschinen, sondern vor Menschen. 

Zum Beispiel vor Larry Page. Bei der Figur Nathan, die ständig „Dude“ oder „Bro“ sagt, die immer ein lässiges Bier trinken will und Hierarchien nur vorgeblich nicht mag, handelt es sich ganz offenbar um den Holzschnitt des heutigen CEO. Mark Zuckerberg, der Google-Erfinder Page, eben solche Leute. Ava etwa wurde trainiert anhand der Datenmassen, die der imaginative Suchmaschinen-Konzern „Bluebook" seinen Millionen Nutzern abgelauscht hatte. Zum Vergleich: Googles Projekt Brain bestand darin, 10 Millionen Thumbnails von YouTube in ein System zu schmeissen und zu gucken was passiert. Das intelligente Netzwerk konnte daraufhin Katzen und Menschen erkennen. Vor zwei Jahren hat Google Boston Dynamics (seriously gruselig) gekauft, die weltweit zu den erfolgreichsten Roboterbauern der Welt gehören. Weitere Firmen folgten, spezialisiert auf Drohnentechnologie, Luftfahrt, Heimautomatik. Sie durchleuchten und benutzen ihre User. Und sie wollen unsere Freunde sein. Man weiß das ja. 

Aber Larry Page weiß mehr als wir. Seine Stimme ist bereits Mediengeschichte, sie klingt aufgrund einer Krankheit wie ein Computer. Er trägt immer T-Shirts und eine Google-Brille, er sagt: Es ist keine Frage ob, sondern wann alle Menschen auf der Welt ein Smartphone haben und also etwas in der Hand, was sie permanent mit dem Internet verbindet. Ich habe Angst vor Larry Page. Er ist einer von uns. Aber auf ihn ist kein Verlass. Larry Page ist nicht mein Freund. Er ist ein Computernerd. Computernerds sind ihrem Wesen nach asozial. Das sagt der Film. Das ist konkrete Lebenserfahrung. Das war noch immer so. Nerds interessieren sich nicht für Gefühle, sie entwickeln bedenkenlos alles, was möglich ist. Einfach, weil es möglich ist. 

Der testosterone Programmierermilliardär erzählt vor einem Jackson Pollock stehend: Die neuen künstlichen Intelligenzen werden später auf unsere Gattung herabschauen wie wir auf erste lebende Fossilien, die sich im Meer gebildet haben: vergangene Lebensformen, Ursprung, Mama und Papa, Rohmaterial, auf dem das Neue, das Bessere sich entwickeln konnte. Es klingt so verdammt einleuchtend. 

„Ex Machina" ist letztlich deswegen ein so grandioses Ereignis, weil man vor dem Screen sitzend merkt, dass man kein Dinosaurier ist. Der Film erzeugt eine verwirrende Wachheit. Ein seltsames Bewusstsein für menschliche Komplexität. Dass ich auf meinem Bett liegend ein Zeugnis künstlerischer Kultur ansehe, in der ein sehr schlauer Artgenosse (Alex Garland) die Gegenwart nur ganz leicht überdreht, und sich dadurch das Grundgefühl des Jetzt generiert: totales Besser- aber überhaupt nicht Weiterwissen. Dieser Extremzustand: Als Einzelmensch einer Geschichte dabei zuzusehen, die eine reale Entwicklung spiegelt, in der man sich als Spezies möglicherweise langsam selbst abschafft.

Es entsteht eine dunkle, zarte Euphorie, die sich daraus ergibt, dass man in diesem Moment gleichzeitig mit der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft verbunden zu sein scheint.  

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Google existiert (1998) etwa seitdem diese schwer problematische Idee des Anthropozäns aufkam (2000), die besagt, dass die Menschheit zu einem geologischen Faktor geworden ist. Denn wir kratzen nicht nur an der Oberfläche der Natur, sondern verändern sie tief greifend. Natur und Kultur, Lebewesen und technische Objekte, Gewordenes und Erdachtes bilden im Anthropozän neuartige Hybride. Eine sehr aufregende Vorstellung, die letztlich zurückspringt in einen indigenen Glauben, der von der christlichen Lehre unterbrochen war, die davon ausging, dass der Mensch über der Natur steht und nur er eng mit Gott verbunden ist. 

Es wirkt auf gespenstische Art und Weise stimmig, dass wir gerade heute permanent auf Geräten nihilistischer Technokraten (CEOs) herumtippen und deren Systeme mit unserem Material füllen, dass wir gerade jetzt über die Theorien von Menschenabschaffern wie den Spekulativen Realisten diskutieren und Maschinenanbeter wie Friedrich Kittler wieder lesen. Wir sind einmal mehr angezogen von Ideen, die dem Humanismus den Garaus machen wollen, für die „der Mensch verschwindet wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand“, wie es bei Michel Foucault so wunderschön heisst und wie Dominikus Müller das gegen das Inhumane und für die Liebe ins Spiel bringt. Es reicht vorerst mit der Suche nach Anthro-Verbindungen zu Objekten, Naturen, Kulturen, Maschinen. Ich möchte auch ganz sicher keine Ausstellung in Kassel mehr zu diesem Thema sehen. Ich will keine Medien-Ausgabe lesen. Ich will nicht mehr darüber nachdenken, auf welchem Abspielgerät ich Musik höre, sondern welche Musik ich höre. "Ich will nur weg von den Geräten", sagte uns der Maler Albert Oehlen zuletzt bei der Arbeit an der kommenden Spike-Ausgabe.    

Wir leben in Angst und Schrecken und unverständlicher Bedeutsamkeit. Die Menschheit soll langsam von sich selbst abstrahieren, weil es sie als Ganzes wohl allzu lange nicht mehr machen wird. Ja, vielleicht kommt schon bald die glühende Hitze und verbrennt alles. Vielleicht sind wir irgendwann Maschinenmenschen. Aber bis dahin sind wir Menschen.

 

Timo Feldhaus ist Autor und Spike-Redakteur. Er lebt in Berlin.