Wer in Wien das Sagen hat

 Anne Imhof, Rage , HD Video 60 min, Foto: Nadine Fraczkowski, supported by Carré d'Art - musée d'art contemporain de Nîmes , 2014
 Anne Imhof, Rage , HD Video 60 min, Foto: Nadine Fraczkowski, supported by Carré d'Art - musée d'art contemporain de Nîmes , 2014

Rainald Goetz hat sich versungen, ein Wiener Rapper wird als Maler überführt, Wanda ist noch immer doof und die Künstlerin Anne Imhof macht Grunge-Performances. Und wenn jemand fragt, wofür die Jugend in 2015 steht, dann sag ab heute nicht mehr Biedermeier und Zielstrebigkeit.

Von der Büchner-Preis-Rede des Schriftstellers Rainald Goetz wird am Ende wohl das Ende im Gedächtnis bleiben. Wie er da plötzlich zu singen beginnt, „Amore“, den Refrain dieses immerhin besten aller Lieder dieser doch mittlerweile weltbekanntlich schrecklichsten und bitte möglichst bald vergessenen Band Wanda.

Goetz’ fantastische Rede handelt von der Jugend und der Revolution, und davon, dass das Einfordern von zweiterem eben nur ersteren gut steht, woraus logischerweise für den 61-Jährigen ein Großproblem folgert: Der Schriftsteller an sich altert nicht schön. Meint Goetz. Die Radikalablehnung des Bestehenden sei ein Vorrecht der Jugend. Denn, "wer nicht mehr jung ist, darf so herrlich nicht sprechen.“ Aber warum das Lied der Wiener Band dazu? 

Der verdiente Preisträger startete den Performance-Teil seiner Karriere in Österreich, als er sich vor 32 Jahren in Klagenfurt beim Vorlesewettbewerb während seiner Lesung mit einer Rasierklinge die Stirn aufschlitzte. Dass den Schriftsteller der Wille zum geografischen Loop nun zum Singen des österreichischen Liedes bewogen hat, ist nicht bekannt. Eher wohl die lebensbejahende gutpathetische Pophymnenhaftigkeit, die in dem Lied „Bologna“ ja durchaus drin steckt: "Wenn jemand fragt, wofür du stehst, sag für Amore, Amore." 

Der Jugend allerdings geht es heute womöglich um ganz was anderes. Die Zeichen der Zeit erkennen sicher nicht die rückwärtsgewandten Pop-Rocker von Wanda, sondern eher der Rapper Yung Hurn, straight outta Donaustadt, und also ebenso Wiener. Gerade letzte Woche hat er sein neuestes Werk „Opernsänger“ hochgeladen, das nun zum ersten Mal ein Pop-Song ist. Dort wird stilistisch wieder knallhart geklaut von Young Lean, dem schwedischen Rapper, der bereits vor drei Jahren mit Blick auf US-Kollegen eine Mischung aus Weltmüdigkeit, völliger Verspultheit und exaltiertem Existentialismus salonfähig machte, was Hurn aber extrem gut ins Wienerische übersetzt. Das Handy legt er dabei niemals aus der Hand:

 

 

Wanda riechen nach Bierzelt, Bauchspeck und scheisse nach Mann, ihre Hörer hörten vor Wanda Westernhagen. Nach Feierabend tun sie gerne mal einen heben, an sich aber funktionieren sie super. Was an sich ja auch nichts Schlimmes ist. Yung Hurn vermittelt uns den Eindruck, er und seine Crew sippen ständig zu viel Sizzler, vor allem aber saufen sie irgendwie besser, lebensbedrohlicher. Frauen dürfen weder bei Wanda noch Young Hurn was sagen, aber während Wanda zuletzt die junge Anti-Feministin Ronja von Rönne in ihr Video stellten, sind die Mädchen bei Yung Hurn selbstgewisser, und oft durch ein Schauen schon viel cooler als der Clown, der da rappt. Und das scheinen auch alle Beteiligten zu wissen. Aber das ist, logischerweise, total schwer zu erklären.  

Denn jugendliche Richtigkeit ergibt sich zumeist aus dem Zaubermittel reiner Intuition. Es klingt dumm, wenn man Zeilen wie „Baby wenn du willst, dann werd ich Opernsänger/ nur für dich und deine Eltern/ wenn ihr wollt, kommts vorbei in die Oper/ ich hab noch paar Karten umsonst da/ La-La-La, Figaro“ poetisch findet. In Liedern wie „Nein“ und „Blablabla“ geht es um nicht viel mehr als das, was diese Titel schon von sich aus sagen, und doch lebt jede wie im Suff hingeschriebene Zeile von einer eigentümlichen Rätselhaftigkeit und dunklen Genialität. Weil sie die verwirrte Jetztzeit atmet, in der sie geschrieben wurde.

Ganz Ähnliches findet man gerade in der zweistündigen Performance „For Ever Rage“ der Künstlerin Anne Imhof im Hamburger Bahnhof in Berlin. In zugleich dunklem und eiskaltem Zwielicht vollführen junge Menschen leise sprechend leblose Gesten. Behutsam gehen sie aufeinander zu, um dann doch in stummer Aggression verhangen zu bleiben, wenn es drauf ankäme. Es herrscht derselbe Kleidungsstil aus einfarbigem Tech-Sneaker, einfarbiger Jeans (entweder schwarz oder weiß oder blau, entweder Löcher drin oder skinny, auf jeden Fall abgewetzt), Bomberjacke und einfarbigem T-Shirt (und Cappy) – ein eleganter Minimalismus der Straße. Und so wie es Yung Hurns Rappraxis nicht mehr auf die sprachliche Pointe abgesehen hat, die durch Wortspiele und Reime ins semantische Schwarze trifft, so bleibt auch hinter den mehrstimmigen Chören bei Imhof jede Eindeutigkeit verborgen. Widerstand findet sich in Zerrissenheit, die ein Außen sowieso nicht mehr kennt, aber auch nach Innen kaum mehr Anschluss findet, und gleichzeitig zu schlau und zu dumm ist, um einen Blick auf dafür womöglich verantwortliche Machtstrukturen zu werfen. 

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Die Kaputtheit des Lebens und die Überschätztheit der Vernunft, die Goetz in seiner Rede beschwor, sie findet sich in diesem Band aus Verfeinerung und Selbstzerstörung, das Anne Imhof und Yung Hurn anbieten.

In den Kabinetten dieser lethargischen Verlangsamer findet man ein Update des Nicht-mehr-Mitmachens, das aus dem Grunge bekannt ist und der Zielstrebigkeit der Gleichaltrigen eins auswischt.

Wenig besprochen ist bisher das versteckte Moment der Kunst des sich in den Videos im verrauschten VHS-Style als Drogendealer und Säufer inszenierenden Yung Hurn. Bereits auf „Nein“ wird eine Ai Weiwei Referenz völlig anschlusslos und ohne, wie man sagt, Sinn, in das Video eingeschleust. Er und seine Crew halten eine offenbar chinesische Vase nicht nur ans Ohr wie ein Telefon, sondern lassen sie später genauso fallen wie der Künstler in seinem berühmtesten Werk „Dropping a Han Dynasty Urn, 1995“. In „Opernsänger“ huscht Yung Hurn nun durch ein Atelier.  

Die Wahrheit ist, Yung Hurn performt den Rapper, während er eigentlich einen Holzschnitt für den (Wiener) Malerlehrling erstellt, wie man ihn etwa in der Klasse Daniel Richter vorfindet. Ein wilder, hübscher Junge, der viel Scheisse baut, Unsinn redet, die schönsten Frauen fängt und bei ihnen weint, und zwischendurch halt was malt, oder durchstreicht, oder sprayed, oder alles. Das Video von „Nein“ spielt noch auf den Straßen Wiens, Opernsänger bereits im Berliner Westen, wo der Maler Daniel Richter sein Atelier hat. Das kann kein Zufall sein! Und lieber Rainald Goetz, das nächste Mal möchte ich Sie rappen hören.  

 

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Yung Hurns Mixtape „22“ lässt sich hier umsonst herunterladen.

Anne Imhofs Performance „For Ever Rage“ ist das nächste Mal am 4. Dezember um 15:30 Uhr im Hamburger Bahnhof zu sehen. (Dauer 2 h)

Timo Feldhaus ist Autor und Spike-Redakteur. Er lebt in Berlin.