Zeitschleifen

Tennis

Roger Federer, Australian Open 2016
Photo Leonard Zhukowsky / Shutterstock.com

Warum ist Tennis wieder interessant? Legenden wie Roger Federer, Venus Williams und Rafael Nadal kommen heldenhaft wieder auf den Platz, drehen die Uhr zurück und bringen mit ihrem Sport ein Leuchten in dunkle Zeiten. 

 

Der große Tennisautor Serge Daney zitierte einmal Orson Welles über Falstaff: „Er kämpft einen schon verlorenen Kampf“. Roger Federer macht das Gegenteil. Er kämpft einen schon gewonnenen Kampf. Obwohl Federer bereits der am höchsten dekorierte, berühmteste und erfolgreichste Spieler der Offenen Ära ist (die 1968 begann), und auf der ganzen Welt mit einer fast schon unheimlichen Hingabe geliebt wird, lässt er kein bisschen nach. Zuletzt gewann er die Australian Open und Wimbledon. Pete Sampras war am Ende ausgebrannt. Andre Agassi sagt, er hätte Tennis eigentlich immer gehasst. Federer spielt einfach gerne Tennis.

Und das Eigenartige ist, dass er immer noch besser wird. Er nahm sich sechs Monate Auszeit, schonte seinen Rücken, wechselte den Schläger – für einen Spieler über dreißig eigentlich undenkbar – und versuchte sein Glück erneut. Seine Rückhand ist heute mit Siebenunddreißig deutlich besser als mit Fünfundzwanzig. Mit ihr gewann er Wimbledon; er knallte seinen Gegnern die Aufschläge zurück vor die Füße. Zum achten Mal schon hielt er den Pokal hoch. Das siebente Mal war vor den Olympischen Spielen in London, seit seinem sechsten Sieg wurde er Vater von vier Kindern. Das war 2009, als er in einem Marathonmatch Andy Roddick gerade noch besiegen konnte. Es sieht fast so aus, als sei das eine andere Epoche gewesen.

 

"Vielleicht fragen Sie sich, was wohl im Augenblick unwichtiger sein könnte als Tennis" 

 

Dieses Jahr gaben einem gleich drei Spieler das unheimliche Gefühl, als würde eine in glücklicher Erinnerung ruhende Vergangenheit zurückkehren. Neben Federer sind das Rafael Nadal und Venus Williams. Venus ist die eleganteste Wimbledonsiegerin des modernen Tennis. Sie teilt ihren Vornamen mit dem auf der Siegertrophäe, dem Venus-Rosewater-Teller. Und fast hätte sie dieses Jahr wieder gewonnen, nachdem sie jahrelang an einer Autoimmunerkrankung, dem Sjögren-Syndrom, gelitten hatte. Das Finale verlor sie zwar, aber heroisch zu ver- lieren bleibt im Tennis oft stärker in Erinnerung als zu siegen (wie bei einer Fußball-WM, aber nicht wie beim Basketball). Ihre Schwester, die beste Tennisspielerin aller Zeiten, ist vor kurzem Mutter geworden. Auch sie wird ihr Comeback haben, und es wird zur Normalität werden, dass auch Tennisspielerin- nen Kinder haben, die ihnen von der Tribüne aus zuschauen.

Nach seinen Knieproblemen dachten fast alle, dass es mit Nadal vorbei sei. Es gab Gerüchte über weitere Verletzungen. Überhaupt waren seine letzten Saisons von vielen Wehwehchen überschattet. Deshalb war Nadals Comeback das eindrucksvollste des Jahres. Er dominierte die US Open und fand wieder zurück zu seinem von Rhythmuswechseln besessenen Spiel. Auf dem Fundament seiner konkurrenzlosen Defensivarbeit errichtete er eine wahre Bastion des Variantenreichtums. Er schaffte es in Australien ins Finale, wo er wie in einer Wiederaufführung eines ihrer klassischen, opernhaften Endspiele das Nachsehen gegen Federer hatte. Dann gewann er seinen zehnten Roland-Garros-Titel auf dem roten Sand von Paris. Den zehnten. Das ist, wie wir Amerikaner sagen, insane. Nadal gutgelaunt, mit all seinen nervösen Ticks und seinem grenzenlosen Mut noch einmal gewinnen zu sehen, war als würde ein Ritter zurückkehren. Andy Murrays Launenhaftigkeit und die Gruseligkeit von Novak Djokovic sind erstmal gebannt. 

 

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Vielleicht fragen Sie sich, was wohl im Augenblick unwichtiger sein könnte als Tennis. In diesem Chaos abstoßender Typen und grauenvoller Ereignisse, die täglich in unsere Wahrnehmung und wieder hinaus driften – warum über Menschen nachdenken, die mit Schlägern und in Shorts dieses alte blöde Spiel spielen?

Aber wie das Fieber, das die Menschen bei der Sonnenfinsternis packte und ihre verzweifelte Sehnsucht nach Sinn durch eine Ahnung anderer Zeitmaßstäbe linderte, in denen die tagesaktuellen Wirrungen unwichtig erscheinen, bewies der Tennissport dieses Jahr, dass die Vergangenheit lebendiger war als wir vielleicht dachten. Tennis war in den Vereinigten Staaten eine Bastion Privilegierter, die in den 1980er und 90ern von räudigen Rock’n’Rollern gestürmt wurde. In den 2000ern verloren viele Amerikaner das Interesse, weil es keine guten weißen Tennisspieler aus den USA gab. Tennis verlor seine Funktion als Allegorie für einen bestimmten Typ Mensch. Doch überall sonst auf der Welt wurde es beliebter als je zuvor. Die Spieler sind besser, das Spiel gehört jetzt allen. Tennis wurde zu einem Sport der Mondialité.

 

"Tennis ist zutiefst dialogisch, es wird von zwei Menschen erschaffen und existiert zwischen ihnen, im Austausch"

 

Schaut man Federer, Nadal oder Williams – eigentlich jedem Spieler – zu, dann erkennt man eine Mischung aus Allgemeingültigem und Zeitgebundenem. Ihre Schläge kennzeichnen jeweils eine bestimmte Zeit: Venus geht in die Hocke, wenn sie beidhändig einen Passierball cross schlägt, Federer peitscht seine Vorhand mit leicht nach unten geneigtem Racket. Aber Tennis ist auch zutiefst dialogisch, es wird von zwei Menschen erschaffen und existiert zwischen ihnen, im Austausch; das Quasi-Objekt des mit Spin oder Drive geschlagenen Balls. 

Es macht Spaß zu sehen, wie sich Fans für ihre Lieblingsspieler begeistern und wie viel Tennis ihnen bedeutet. Es ist, als stünden die Spieler immer noch für die Vorstellung, im Leben gewinnen zu können. Besonders Federer und Nadal geben diese Liebe auch zurück. Sie geben alles. Sie weinen, wenn sie verlieren, und sie weinen, wenn sie gewinnen. Natürlich sind sie nicht so verrucht wie die Tennisgrößen vor hundert Jahren. Kennen Sie zum Beispiel Big Bill Tilden? Er war der größte Spieler seiner Zeit, er besiegte alle. So berühmt wie der Baseballspieler Babe Ruth, war er sogar mit Charlie Chaplin befreundet. Dann wurde er jedoch verhaftet, weil er mit Jungs schlief, und aus der Tennisgeschichte gestrichen. Die Spielerleben von heute kennen solche Spannungsbögen nicht.

 

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Die beiden besten Kunstwerke über Fußball sind die Filminstallation „Deep Play“ (2007) von Harun Farocki und Douglas Gordons und Philippe Parrenos Film „Zidane: A 21st Century Portrait“ (2006). Farocki zerlegt die Fußball-WM in mehrere Datenströme, Kameraperspektiven und Visualisierungen, während sich Gordon und Parreno ganz in eine einzige Fußballerikone vertiefen. Sie wollen dieses große Ding Sport verstehen und fragen sich gleichzeitig, warum sich am Ende alles nur um einen einzigen Menschen dreht. Das Großartige am Tennis ist, dass all das offensichtlich ist. Während des Ballwechsels sieht man das große Spielfeld von schräg oben hinter einem Spieler, der Ball iegt auf dem Schirm senkrecht auf und ab. Die Spieler wirken wie Avatare im alten Videospiel Pong. Zwischen den Ballwechseln sieht man die Gegner in Nahaufnahme. Ihr Gesicht gibt Gefühle preis, sagt, was im Inneren des Menschen abläuft. In dunklen Zeiten erleuchten diese Gesichter irgendwie unser Leben. Auch wenn man schon die Mitternachtsglocken schlagen hört. 

Aus dem Amerikanischen von Thomas Raab.

 

ASAD RAZA lebt als Künstler in Berlin und Leipzig.

– Die Vollversion dieses Textes erscheint in Spike Art Quarterly #53, erhältlich in unserem Online Shop –